182 Die Befähigung der Kunst zur Darstellung allegorischer Figuren.
aber nicht der Fall ist, da bringt es im besten Falle der Künstlerdurch Ausdruck und diesem dienende an sich charakteristische Attributeso weit, daß wir wenigstens ein dem beabsichtigten Abstractum ent-sprechendes Concretum erblicken: nicht die Musik, aber eine Musici-rende, nicht die Arbeit, aber einen Arbeiter; sobald er aber nur kon-ventionelle Attribute anwendet, oder die charakteristischen nur alsAttribute, so sehen wir eben eine Figur und ein Symbol, das wir ent-weder gar nicht oder falsch oder richtig verstehen; aber auch wenn dasLetzte der Fall ist, wenn wir wissen, daß der Zaum ein Symbol derMäßigung ist, so verwandelt sich uns darum noch lange nicht dieweibliche Gestalt in eine Eigenschaft.
Daß nur in seltenen Fällen die allegorische Figur umnittelbarverständlich ist, darüber konnten sich auch die Künstler kaum verblenden,und darum haben gerade die größten es vielfach vorgezogen, dem Be-schauer die Mühe des Verständnisses abzunehmen, indem sie dem Kunst-werk den Namen hinzufügten (Dürer zu der Melancholie, den Fi-guren des Triumphwagens, Holbein zu dein Triumph des Glückesund der Armuth, u. s. f.). Aber auch damit erreichen sie wohl, daßihnen der Verstand, aber nicht, daß ihnen die Phantasie des Beschauersfolgt.
Freilich versteht man unter Allegorie nicht bloß die Darstellungvon Abstracten, sondern auch den Ausdruck concreter Dinge durchandere concrete Dinge (Siehe auch hierüber Blümners Aus-führungen, a. a. O.). Dahin gehören denn alle anthropomorphischenVorstellungen, alle Persouificationen von Naturdingen und Aehnlichem.Aber ich brauche wohl nicht auszuführen, daß es mit diesen in Bezugauf Darstellbarkeit und Verständlichkeit eben auch nicht anders steht.Wenn ein enthusiastischer Reporter an den W. Friedrichscheu Decken-gemälden in der Vorhalle des Berliner Ausstellungsgebäudes die all-gemeine und unmittelbare Verständlichkeit der allegorischen Figurenpreist, so ist das einfach lächerlich. Wodurch wäre es dem Künstlermöglich, die Berolina als solche unmittelbar verständlich zu machen?Er hat eben eine weibliche Person mit Mauerkrone und Wappenthiergemalt. Wenn er ihr noch die Züge von Wilhelmine Buchholz ver-liehen hätte!