Druckschrift 
Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
Entstehung
Seite
177
Einzelbild herunterladen
 

Die Befähigung der Kunst zur Darstellung allegorischer Figuren. 177

siebzehnten Abschnitt des Laokoon (S. 196 f259f), in den WortenEs ist wahr der Prosaist" erwähnt finden; viel wahrscheinlicherist aber, daß es eben an diese Stelle des Laokoon anknüpft.

In diesem Fragment unterscheidet Lessing poetische und pro-saische Maler.Prosaische Maler," sagt er,sind diejenigen, welchedie Dinge, die sie nachahmen wollen, nicht dem Wesen ihrer Zeichenanmessen." Und zu diesen rechnet er (neben andern Arten, die wirbereits in ähnlichem Sinne besprochen haben) die Allegoristen,weil dieselben die natürlichen Zeichenmit willkürlichen vermischen."

Wir werden versuchen müssen, mit Hülfe dieser Andeutungen dieFrage zu lösen, in welchem Maße die Allegorie zu den Aufgaben derbildenden Kunst gehöre. An Vorgängern fehlt es uns hierbei nicht,namentlich behandelt das erste Heft der Blümnerschen Laokoon-studien diese Frage in ebenso gründlicher als zutreffender Weise; sodaß es auch hier erlaubt sein wird, uns kurz zu fassen. ^

Körper und Handlungen, haben wir gesehen, machen dasDarstellungsgebiet der bildenden Kunst aus. Es wird sich also zu-sörderst fragen, ob und wie weit sie allegorische Körper und alle-gorische Handlungen darzustellen im Stande ist. Allegorisch abernennen wir zunächst die Darstellung abstracter Begriffe als concreteDinge. Und da können wir von vorn herein behaupten: allegorischeHandlungen darzustellen ist die bildende Kunst völlig außer Stande.Wir haben gesehen, wie schwer es ihr schon wird, aus dem dar-gestellten Moment den Hergang erkennen zu lassen; daß dieser dar-gestellte Moment und der dadurch angedeutete Hergang nicht dasbedeuten, was von ihnen sichtbar wird, sondern etwas Anderes:das anzudeuten fehlt ihr jegliches Mittel. Gesetzt, der Künstler könnteden Mann malen, der in die kalte Hand bläst, um sie zu erwärmen,und in den heißen Brei, um ihn zu kühlen: wie wollte er andeuten,daß mit den Handlungen des Mannes die Zweizüngigkeit und Falsch-heit dargestellt sein soll? Er kann das Pferd und den Reiter desStesichoros malen; aber wie erkennt man in dem Pferde den Demosvon Himera, und in dem Reiter den Tyrannen? Wie will er denTarquinius, der die Mohnhäupter abschlägt, Columbus, der das Eiaus den Tisch stellt, so darstellen, daß der Zuschauer die allegorischeBedeutung dieser Handlungen versteht? Man sage nicht, das sei sehreinfach: der Maler male das Bild und hänge einen Zettel daran, der

Fischer, Laokoon. 12