174
Der transitorische Ausdruck.
als unnatürlich und verliert also auch bei längerer Betrachtung nichtsvon dem ursprünglichen Eindruck, sobald wir eine Ursache sehen, dieseine Stärke rechtfertigt. Ich brauche wohl nur den Laokoon alsBeispiel anzusühren.
Das sind alles bekannte Dinge, nur eins möchte ich noch hervor-heben. Dem lachenden La Mettrie, den ich allerdings nicht gesehenhabe, und jedem andern Lachenden, Zürnenden oder einen andernlebhaften Ausdruck Zeigenden schieben wir die Ursache des Lachensnur dann in den Charakter, wenn wir keine andere erkennen können.Weit öfter aber glauben wir eine solche Ursache zu erkennen. Beiallen Gesichtern nämlich, welche uns anseh en, beziehen wir den Aus-druck, für welchen wir keinen Grund sehen, unwillkürlich auf unsselbst, wir haben die Empfindung, daß die dargestellte Person unsauslacht, uns zürnt und dergleichen. Darum sollte besonders derPorträtmaler sich hüten, die Personen so zu malen, daß sie ihn, alsoauch den Beschauer, direct ansehen. Denn jeder, auch der leiseste,bestimmte Ausdruck erhält sonst bei längerer Betrachtung diese Be-ziehung und wird uns dadurch lästig, unangenehm, unheimlich. Diebeiden Knausschen Porträts von Mommsen und Helmholz (in derBerliner Natioualgallerie) richten den Blick des Gelehrten, des Forschersaus dem Bilde heraus gerade auf uns, und je länger wir sie ansehen,desto stechender wird ihr Blick, desto mehr empfinden wir uns selbstals Gegenstand ihrer Forschung, und wir fühlen uns unbehaglich.Ja, wie selbst der Ausdruck leidenschaftslosen, ruhigen Ernstes, derAusdruck göttlicher Ruhe, in dem auf den Beschauer gerichtetenBlick sich in sein Widerspiel verkehren kann, das zeigen uns auf dasSchlagendste die ausschweifenden Empfindungen und Erklärungen, zuwelchen sich Leute von lebhafter Phantasie, und besonders unsere Ro-mantiker, im Anblick der sixtinischen Madonna verirrt haben. „Wer",sagt Mosen (die Dresdner Gemäldegallerie. 1846. S. 7) von demJesusknaben, „wer ist so rein im Herzen, um den entsetzenden Blickseiner Augen ertragen zu können? Es ist der Blick, mit welchem derjunge Gott des sleischtödtenden Christenthums mit innerstem Abscheuzuerst die Niedertracht einer in Sündenlust versunkenen Welt erblickt".Und das haben Unzählige nachgesprochen — und nachgeschrieben(z. B. Adolf Stahr im Rafael-Album).