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Der transitorische Ausdruck.
da einschlägt, wo er eben es mit der einzelnen Gestalt zu thunhat —, was auch aus den folgenden Beispielen (Alcina, AnakreonsMädchen) hervorgeht: so glaubte er offenbar, daß der Leser dieParallele mit dem Gemälde des Malers auch auf dieselbe Art vonGegenständen, also Einzelsiguren, beziehen müsse. Aber er rechneteallzusehr ans aufmerksame und — wohlwollende Leser. Und er fandLeser, welche solche Sätze, deren beschränkte Geltung er als selbstver-ständlich auszusprechen für überflüssig hielt, nun als ganz allgemeineRegeln ausfaßten, und andere, welche froh waren, ihn tadeln zu könnenüber seine „einseitige Betrachtung der bildenden Kunst als sinnlicherDarstellung des Einzelkörpers".
Lessings Fehler besteht also jedenfalls nicht darin, daß er einenur für eine bestimmte Gattung von Kunstwerken gültige Regel fürallgemein gültig gehalten, sondern nur, daß er die Beschränkung ihrerGültigkeit nicht ausdrücklich ausgesprochen, und dadurch minder auf-merksame Leser zu jener allerdings verzeihlichen falschen Auffassungverleitet hat. Daß aber in der Beschränkung ans Einzelfiguren derSatz unanfechtbar ist, geht, glaube ich, aus dem, was ich überhauptüber die Fähigkeit der Kunst, Bewegung darzustellen, und früher überdie Verständlichkeit des transitorischen Ausdrucks gesagt habe, un-widerleglich hervor. Eine Bewegung, von der wir weder Quelle nochRichtung noch Wirkung erblicken, fassen wir nicht als Bewegung auf,sondern als Ruhe, als Dauerndes, und das heißt, auf die in Redestehenden Bewegungen angewandt: der Reiz wird zur Grimasse.Freilich fehlt es nicht an Leuten, die auch dies bestreiten. „Wer wirddenn", sagt Frauenstädt, „wenn er einen Lachenden im Bilde oderin einer Statue sieht, glauben, daß derselbe unaufhörlich lacht? Undwenn wirklich der Lachende bei längerem Ansehen sich nur in einenGrinsenden verwandelt, wer heißt uns denn, ihn so lange anzusehen,bis diese Verwandlung in uns vor sich geht? — Anstatt zu folgern,daß Transitorisches auch nur transitorisch angesehen werden darf, hatLessing gefolgert, daß es in einem transitorischen Material gesehenwerden müsse u. s. f." Ich denke, der Leser hat genug an dieserProbe höheren Blödsinns und verlangt von mir keine Bekämpfung.Hübsch wäre es freilich, wenn der Künstler im Ausstellungskatalog zuseinem Bilde die Bemerkung setzte: „darf nur eine Secunde lang be-trachtet werden".