Druckschrift 
Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
Entstehung
Seite
147
Einzelbild herunterladen
 

Die Unfruchtbarkeit der höchsten Staffel des Affects.

147

Dann läßt sich der Satz nur in zweierlei Weise verstehen: entwederer enthält eine Verdrehung der Lessingschen Worte, oder er istschlechtweg Unsinn. Und drittens: Lessing fordert die Wahl einesMoments, welcher die Phantasie anregt, durch ihre Thätigkeit dastodte Kunstwerk zu beleben, zu beseelen (Je mehr wir sehen, destomehr müssen wir hinzudenken können. Je mehr wir dazu denken, destomehr müssen wir zu sehen glauben"), eines Moments, welcher die Ein-bildungskraft antreibt, den seufzenden Laokoon in einen schreienden zuverwandeln. Und Feuerbach widerlegt dies, indem er in den vongriechischen Künstlern gewählten Momenten einenBeweis mehr fürdie Tendenz des Lebens und der Beseelung" erkennt. Das nennt manLessing widerlegen.

Ich bin wohl zu breit geworden. Ueber Fr. Bischer kann ichkürzer sein. Sein fruchtbarer Moment (Aesthetik III, S. 399) istgar nicht der Lessingsche, sondern höchstens Lessings prägnanterMoment (s. unt. S. 150). Seine Ausführungen treffen daher auch Lessinggar nicht. Aber er giebt sich nicht einmal die Mühe, diesen zu ver-stehen; er behauptet, Lessing gebe als Grund an,daß ein sogenannteräußerster Moment keine innere Entwickelung eines folgenden Bildesdem Zuschauer mehr gestatte," und fährt dann fort:Der Bildner

muß darin ganz frei sein, er mag das eine Mal das Stärkere, Furcht-barere, Aeußerste, das andre Mal das Rückschnellen der gespanntenSaite, jetzt ein wildes Ansteigen, jetzt ein ruhiges Absteigen unserereigenen Phantasie zu bilden überlassen." 8ie volo, sie jubeo! Werkönnte dem widersprechen? Natürlich muß der Künstler ganz frei sein:kein Teufel kann ihn zwingen, sein Werk so zu gestalten, daß der Ein-druck, welchen er damit beabsichtigt, auch erreicht wird.

Dagegen hatte Blümner (Laokoonstudien, Heft II, S. 938) esunternommen zu untersuchen,wie sich die alte und die moderne Kunstdenn zu jener Lessingischen Forderung des fruchtbarsten Momentes ver-halte," und glaubte gefunden zu haben, daß dieses Verhalten derForderung nicht entsprochen habe. Daraus schloß er:Handeltes sich darum, einen prägnanten Moment aus einer Hand-lung zur Darstellung auszuwählen, so hat der Künstlerzunächst sich zu fragen, welcher Moment unter den dar-stellbaren die Situation am deutlichsten darlegt und zu-gleich die Phantasie am lebhaftesten anregt; ob das aber

io*