146
Die Unfruchtbarkeit der höchsten Staffel des Affects.
Das heißt also: insofern Kunstwerke bestimmt sind, nicht durchdie Darstellung körperlicher Schönheit, sondern durch die derHandlung, also, wie wir oben gesagt haben, poetisch zu wirken,muß ein möglichst fruchtbarer Augenblick gewählt werden, das heißtein solcher, welcher die Phantasie anregt vorwärts und rückwärts znschweifen, um sich der Bedeutung des dargestellten Moments bewußtzu werden; die höchste Staffel des Affects aber taugt dazu nicht, dennsie fesselt die Phantasie.
Die Unwiderleglichkeit dieser Schlüsse sowohl, als dertheoretischen Betrachtungen, aus denen sie hervorgingen, springtam meisten ins Auge, wenn man die Aufstellungen der Gegner be-trachtet. Von diesen ist der gründlichste A. Feuerbach. Es lohntder Mühe ihn anzuhören. „Daß," sagt er, „diese Wahl des frucht-barsten Momentes ein unverbrüchliches, der Plastik wesentliches Gesetzsei, muß geläugnet werden. Genau genommen beruht sie aus einerbloßen Accomodation des Bildners an den Beschauer. Der griechischeKünstler indessen hatte keinen vernünftigen Grund, die Einbildungs-kraft des Beschauers in Fesseln zu legen und einer Psyche die Flügelzu binden, von deren Gunst vielleicht der letzte, noch fehlende Prome-theusfunke zu erwarten stand. Lehrt die Mehrzahl der noch erhaltenenStatuen wirklich, daß der Affect in der Regel von seiner äußerstenStufe zum fruchtbaren Momente einer niederen herabgestimmt ward,so wäre eben in dieser Mäßigung des Ausdrucks kein unablässigesHinsteuern nach dem Hafen der plastischen Ruhe, sondern umgekehrtnur ein Beweis mehr für die Tendenz des Lebens und der Beseelungzu erkennen."
Also erstens: Lessing stellt ein Gesetz auf für das Gebiet derDarstellung von Handlungen. Und Feuerbach leugnet, daß diesein unverbrüchliches Gesetz für das Gesammtgebiet sei. Zweitens:Lessing erklärt den äußersten Moment für ungeeignet, weil er derEinbildungskraft die Flügel binde, und Feuerbach entgegnet,der griechische Künstler habe keinen vernünftigen Grund gehabt, derEinbildungskraft die Flügel zu binden. Soll das etwa ein Zu-geständniß fein, nur beschränkt auf den griechischen Künstler? Dannhätte doch angedeutet werden müssen, welchen erdenklichen vernünftigenGrund andere Künstler haben könnten, die Einbildungskraft des Be-schauers in Fesseln zu legen. Oder soll es eine Widerlegung sein?