Druckschrift 
Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
Entstehung
Seite
141
Einzelbild herunterladen
 

Ausnahme von dem Gesetz des einzigen Augenblicks.

141

Alexanderszug, Siemerings Auszug zum Kriege von 1870? Freilichlauter plastische Darstellungen, und wie leicht wäre es, ihre Zahl zuvervielfältigen, wogegen es schwer halten dürste, eine auch nur kleineReihe bedeutenderer Gemälde auszuführen. Der Grund liegt nahe;wir haben ihn schon in dem Abschnitt über das Gesetz der Schönheitgestreift. Die Malerei legt mehr Werth auf die Composition, als ausdie Ausbildung der Einzelformen; sie verzichtet daher ungern auf dieEinheit des Gesichtspunktes, die ihr noch dazu besser gestattet, einedramatische Wirkung zu erzielen, als eine epische. Wo ihr daherlanggestreckte Wandflüchen zugewiesen sind, zieht sie es vor dieselbenzu theilen, und auch da, wo sie eine epische Handlung darstellenwill, dieselbe in Einzelmomente zu zerlegen. Ich erinnere nur anSch Winds Märchenbilder. Die Plastik dagegen legt das Haupt-gewicht aus die Ausbildung der Einzelformen; dramatische Momentewirkungsvoll darzustellen ist ihr nur in sehr beschränktem Maße mög-lich: was Wunder, wenn sie fortlaufende Handlungen der oben an-gegebenen Art, die ihr Gelegenheit zur Vorführung mannigfaltigerschöner Körper geben, den Darstellungen geschlossener Momente vorzieht.

Natürlich sind nun die Künstler für cyklische Darstellungen nichtallein auf derartige Handlungen angewiesen; sie können auch einzelne,nicht fortschreitende, Momente einer Gesammthandlung darstellen,wie der Pergamonsries, oder, wie schon gesagt, eine Reihe von ein-zelnen Momenten einer epischen Handlung; und sie können natürlichauch Situationen darstellen, wie der Sockelsries an DrakesStandbild Friedrich Wilhelm III. und dessen Nachahmung an EnkesStandbild der Königin Luise. Nur eins ist ihnen versagt, und dasist gerade das Merkwürdige, dasjenige, was die cyklischen Dar-stellungen als Ausnahme kennzeichnet: sie dürfen nicht einen ein-zigen Augenblick der Handlung nutzen. Insofern war es einMißgriff, auf dem Fries der Siegessäule in Berlin den Moment derWiedererweckung des deutschen Kaiserthums darzustellen, und wederdie ideale Auffassung der Handlung, noch die hohe Kunst der Dar-stellung vermögen über den Fehler des Wernerschen Bildes hinwegzu-täuschen: daß der Beschauer genöthigt wird, nach und nach zu sehen,was er mit einem Male sehen sollte, und daß die Personen des Bildesselbst die Haupthandlung, auf die sich doch alle ihre Blicke richtensollten, nicht sehen können.