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Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst
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Ausnahme von dem Gesetz des einzigen Augenblicks.

Der Satz, daß die Malerei in ihren coexistirenden Compositionennur einen einzigen Augenblick der Handlung nutzen kann, beruht aufdem vorhergegangenen, daß die Zeichen ein bequemes Verhältniß zumBezeichneten haben müssen, daß daher neben einander geordnete Zeichenauch nur Gegenstände neben einander ausdrücken können, oder mitandern Worten: daß der Beschauer das, was er zugleichsieht, als gleichzeitig empfindet.

Aber die Kunst kann ja Dinge so nebeneinander ordnen, daß derBeschauer sie nicht gleichzeitig sieht, sondern nach einander.

Wenn wir von einem festen Standpuncte aus eine Reihe vonneben einander geordneten Gegenständen, zum Beispiel die Personeneines Zuges, an uns vorüberziehen sehen, so sehen wir dieselben nacheinander, auf einander folgend. Dies kann nun freilich dieKunst nicht nachahmen, oder wenigstens wird sie, als schöne Kunst,es verschmähen; aber dieselbe Wirkung wird errreicht, wenn wir inentgegengesetzter, oder mit schnellerer Bewegung in gleicher,Richtung den Zug entlang gehen. Und dies kann die Kunstnachahmen und hat niemals angestanden es zu thun. Indem sie dieDinge neben einander, welche sie allein im Stande ist dar-zustellen, so ordnet, daß sie den Zuschauer zwingt, dieselbennacheinander zu betrachten: verwandelt sie das Neben-einander in ein Nacheinander. Und dadurch ist sie in der Thatim Stande, nicht einen einzigen Augenblick einer Handlung, sonderneine Handlung ihrem ganzen Verlaufe nach darzustellen; nur mußdiese Handlung sich nicht um einen Mittelpunkt gruppiren und nichtaus einer Reihe von Bewegungen derselben handelnden Personen be-stehen; sondern der Verlauf der Handlung muß sich so aus die Per-sonen vertheilen, daß die einzelnen in der Reihenfolge, in der sieneben einander geordnet sind, nacheinander in die Aktiontreten.

Das Mittel nun, welches die Kunst hierzu anwendet, ist natür-lich, daß sie das Gemälde oder Relief an der, äußeren oder inneren,Peripherie eines Gebäudes, eines Saales oder Monumentes sich hin-ziehen läßt, daß sie also cyklische Darstellungen schafft. Und es sindMeisterwerke ersten Ranges, welche sie so geschaffen hat. Soll ichBeispiele anführen? Phidias' Festzug der Panathenäen, die Hochzeitdes Poseidon und der Amphitrite, die Trajanssäule, Thorwaldsens