52 Der Begriff Ausdruck. Permanenter und trnnsitorischer Ausdruck.
„plötzlich ausbrechen und plötzlich verschwinden", welche „das, was siesind, nur einen Augenblick sein können". Aber leider verbietenLessings Worte unzweifelhaft diese beschränkende Auslegung. Dennwenn er schreibt (4, XXXII) „Unterschied in Ansehung der Schönheitdes Ausdrucks, zwischen transitorischem und permanentem. Jener istgewaltsam und folglich nie schön. Dieser ist die Folge von deröfteren Wiederholung des ersteren": so kann das unmög-lich anders verstanden werden, als ich es vorhin gethan habe,nämlich daß die häufige Wiederkehr von Affecten und Handlungenden Gesichtszügen einen bestimmten Ausdruck, dem Körper eine be-stimmte Haltung einprägt. Folglich kann hier transitorischerAusdruck auch nur ganz allgemein für den Ausdruck von Affectenund Handlungen gebraucht sein.
Daraus folgt also — bitte, Herr Jüsti, halten Sie Ihr Triumph-geschrei noch zurück! — daraus folgt gar nichts. Erstens erinnereich daran, daß, wie wir oben (II, S. 12) sestgestellt haben, der In-halt des Nachlasses zur Erläuterung der Sätze des Laokoon un-bedingt, zu ihrer Erweiterung dagegen nur mit äußerster Vor-sicht zu benutzen ist. Nun ist der vorliegende Satz der einzige inder Disposition des zweiten Theils, welcher in den älteren Ent-würfen mit keiner Silbe vorbereitet erscheint. Wir werdenannehmen dürfen, daß er hervorgegangen ist aus dein Bedürfnis)einer Erläuterung des im dritten Abschnitt des Laokoon über dasTransitorische Gesagten. Aber Lessing hat seinen Plan nicht aus-geführt; die Worte, so wie sie da stehen, sind, weit entfernt, als Er-läuterung dienen zu können, einer solchen vielmehr in hohem Gradebedürftig.
Denn, und das ist mein zweiter Grund, das, was diese Wortezu sagen scheinen, kann Lessing unmöglich gemeint haben.Denn es widerspräche direct dem Inhalte des Laokoon. Derselbe gehtaus von der Laokoongruppe, als einem Werke höchster Schönheit.Und dies Werk zeigt in allen seinen Figuren und in allen Theilen,seiner Figuren den, wenn Winckelmann und Lessing Recht haben, nichtaufs Aeußerste getriebenen, aber doch unzweifelhaft hochgespanntenAusdruck nicht nur des körperlichen acuten Schinerzes, sondern auchdes'leidenschaftlichen Kampfes (auch dem ohnmächtigen Erliegen desjüngsten Sohnes ist ein solcher unmittelbar vorausgegangen): also