4
wachsen — geführt hat, bis herab zu denen, M nur mit Auf-bietung steter Aufmerksamkeit, einem Gespräche zu folgen vermögensind der Unterschiede unendlich viele; und so allmählich sind die Ab-stufungen, daß es immer ein gewisser Grad von Willkür seinwird, wenn man den einen noch für normal hörend bezeichnetund einen anderen, der etwas weniger zu hören scheint, für ge-hörschwach erklärt. Denn jedes Individuum hat nicht nur durchdie natürliche Anlage, durch Lebensart und augenblickliche Dis-position ein in gewissen Grenzen wechselndes Gehör, sondern eszeigt sich auch sehr oft, daß die beiden Ohren verschiedene Schärfebesitzen, wie man auch nicht selten verschiedene Sehschärfe aufden beiden Augen beobachtet, ohne daß man von eigentlicherSchwäche zu sprechen berechtigt wäre. Und andererseits ist dieFeinheit dieses Sinnes zuweilen eine so erstaunliche, wie sie imgewöhnlichen Verkehr nur selten zur Verwerthung kommt. Manmuß demnach zugebeu, daß die Grenzen des normalen Gehörsnach beiden Seiten hin unbestimmt sind und ziemlich weit aus-einander liegen. Ueberdieß wechselt es je nach der Beschäftigungdes täglichen Lebens in sehr erheblichem Grade. Mit welchregem Interesse haben wir seiner Zeit jene romantischen Schil-derungen von den Wilden Nordamerikas gelesen und uns auden außerordentlichen Leistungen ihrer Spür- und Hörkraft er-freut: es ist auch gar kein Zweifel, daß auf ihren gewohntenJagdgründen, für ihre von Jugend auf geübten Fertigkeiten dieSinne so scharf geworden sind, wie bei ähnlich einseitiger Uebungdiejenigen der Thiere. Aber wie schlecht würden diese feinhörigenHuronen und Apaches bestehen, wenn sie die verschlungenenTöne eines modernen Concertstückes erfassen und die seinenNüancen in der Lautbildung höher kultivirter Sprachen unterschei-den sollten! — Unter solchen Umständen ist natürlich auch dieGrenze, wo eine wirkliche Harthörigkeit anzunehmen ist, eben-
(6SS)