Die Karäer in der Türkei.
277
deutschen Schule gebildete erste Chacham Baschi war ebenso asketisch wiegewissenhaft. Trotz der hohen Würde, die er auch unter Moham-med's II. Nachfolger, dem Sultan Bajasid (Bajazet) II., einnahmund trotz des Wohlstandes, der ihm aus seiner reichen Einnahme er-wuchs, fastete er öfter und schlief nie in einem Bette, sondern auf harte?Erde*). Mose Kapsali war dem freundlichen Entgegenkommen gegendie Karäer ganz besonders abhold und nahm Anstoß daran, daßRabbaniten sie im Talmud unterrichteten, da sie ihn doch verwerfen.Ungeachtet seiner religiösen Peinlichkeit entging er indeß nicht dem Hasseund der Verleumdung von Seiten derer, welche es aus verkehrterUeberfrömmigkeit oder aus Heuchelei oder gar aus persönlichen Be-weggründen auf seinen Sturz abgesehen hatten, weil er gegen ihranarchisches Treiben unnachsichtig war. Einige Gegner verleumdetenihn, den Gesetzesstrengen, der Uebertretung der Neligionsvorschriften.Die Jntriguen einer Partei in Constantinopel verwickelten Mose Kapsaliin bittere Feindseligkeit mit dem leidenschaftlich heftigen RabbinerJoseph Kolon in Mantua (o. S. 253) und regten überhaupt eine hitzigeFehde innerhalb der Judenheit an.
Die Veranlassung zu dem weit um sich greifenden Streite warder faule Zustand der Juden Palästina's und besonders Jerusalem's.Die heilige Stadt war stets, seitdem ihre Krone in den Staub ge-sunken war, der Tummelplatz kleinlicher Parteiung aller Bekenntnisse.Die jüdische Gemeinde war keine ständige, sondern wechselte stets durchneue Ankömmlinge. Im fünfzehnten Jahrhundert scheinen italienischeEinwanderer das Uebergewicht in Jerusalem erlangt zu haben, undals ein sonst wenig bekannter Talmudist und Arzt, Elia diFerrara, dahin gekommen war, beeilten sich die Vorsteher, ihmdas Nabbinat zu übertragen ^), weil in ihrer Mitte kein Mann vonKenntnissen vorhanden war. Als sich später deutsche Zuzügler inJerusalem niederließen, maßten sich die Eingesessenen eine ArtPatricierthum über dieselben an, chikanirten sie auf eine kränkendeWeise, denuncirten sie, wo sie selbst ihnen nicht beikommen konnten,beim Pascha und brachten sie in vielfache Gefahren. Die unglück-lichen deutschen Juden waren überall die Sündenböcke, auf derenHäupter Fremde und Stammgenossen alles Elend häuften. Um dieHabgier des Mamelucken-Sultan Melk Esch res Kattbat und derWürdenträger zu befriedigen, mußten die Juden viel Geld aufbringen,
*) Vergl. Note 7.
Das interessante Sendschreiben des Elia de Ferrara vom Jahre 1438 imSammelwerke Oibrs Otmelmmlm p. 61 ff. und übersetzt von Carmoly Itinö-rairos p. 381 ff.