264
Geschichte der Juden.
war einer jener Unglücksmenschen, die von einer Widerwärtigkeit indie andere gerathen. Jünger des Jakob Weil in Erfurt und desIsrael Jsserlein in Wiener-Neustadt, verband er mit der erstaunlichenTalmudfestigkeit einen außerordentlichen Scharfsinn und war zu derbedeutendsten Rabbincrstelle berechtigt. Wahrscheinlich in Folge derJudenvertreibung aus Brünn (o. S. 189), wo er bereits als rabbinischeAutorität anerkannt war^), kam er nach vielen Wanderungen überPrag-) nach Negensburg, besetzte sich daselbst und wollte rabbinischeFunktionen ausüben für solche, welche ihm Vertrauen schenkten. Aberein dort wohnender Talmudkundiger Amschel, obwohl selbst nurPrivatmann und nicht von der Gemeinde als Rabbiner angestellt,erhob Widerspruch gegen die rabbinische Concurrenz und verbot IsraelBruna, Vorträge für Jünger zu halten, Ehescheidungen vorzunehmen,alle diejenigen Funktionen zu üben, welche damals mit dem Rabbinateverbunden waren, und die Ehrenbezeigung mit ihm zu theilen. DaBeide ihren Anhang hatten, so entstand in Folge dessen eine Spaltungin der Regensburger Gemeinde. Seine zwei Lehrer, Jakob Weil undJsserlein, Vertreter des freien Nabbinats und abgesagte Feinde des geist-lichen Beamtenthums, nahmen sich zwar des verfolgten Israel Brunaan, denen sich ein Rabbiner von Nürnberg, David (Tevele) Sprinz,anschloß. Sie machten die einleuchtendsten Gründe geltend, daß esjedem Juden unbenommen sei, insofern er nur die genügende Kenntnißbesitze, von einem Lehrer autorisirt sei und einen frommen und sittlichenWandel führe, die Rabbinatsfunktionen zu handhaben. Zu Gunstendes Israel Bruna führten sie noch an, daß er seinen Beitrag zu denGemeindelasten spendete und demgemäß ein berechtigtes Gemeindegliedwar 3). Nichtsdestoweniger dauerte die Spaltung in der Regens-burger Gemeinde fort, und Israel Bruna war öfters Beleidigungenvon Seiten der Gegenpartei ausgesetzt. Als er einst einen Vortraghalten wollte, verließen einige Rädelsführer das Lehrhaus, und Vielefolgten ihrem Beispieles. Jünger seines Gegners malten wiederholtheimlich an seinem Sitze in der Synagoge Kreuze, schrieben dabei dasentsetzliche Wort „Ketzer" (Ilxiouros) und brachten noch andere
*) Respp. dio. 25; Jsserlein I'esirleiin Xo. 128.
2) Lespx. Israel Bruna dlo. 130.
2 ) Jakob Weil, dlo. 153; Jsserlein, ?esaleiin dlo. 126—128;
Rssxp. Israel Bruna Nr. 253. Aus Jsserlein Nr. 138 geht hervor, daßIsrael Bruna selbst Anfangs nicht für die Freiheit der rabbinischcn Funktionwar. Auch in seinem Streit mit Salmoni (Lespp. Joseph Kolon Ao. 169,170) zeigte I. Bruna, daß er seinen beiden Lehrern an Hochherzigkeit undSelbstverleugnung nachstand.
<>) Respx. Israel Bruna Nr. 281.