Die letzten Kabbalisten in Spanien. 221
ein Prediger und verflachte noch mehr als dieser philosophische undreligiöse Gedanken zu Gemeinplätzen.
Wie befangen auch die Tonangeber der spanischen Judenheit imletzten halben Jahrhundert vor ihrer Ausweisung waren, so fehlte esdoch nicht ganz und gar an einem Rüger und Mahner, welcher einenoffenen Blick für die Verkommenheit hatte und schmerzlich davon berührtwar, wenn er seine Zeit mit der ehemaligen Glanzperiode ver-glich. Denn die Gesunkenheit der spanischen Juden, welche ausihrer erniedrigten Stellung in der Gesellschaft und ihrer Gleichgiltigkeit,wo nicht gar Verachtung gegen wissenschaftliche Forschung hervor-gegangen war, zeigte sich nicht blos hier und da, sondern ergriff, wieein eingewurzelter Krankheitsstoff im Organismus, das ganze reli-giöse und gesellschaftliche Leben. Ein Zeitgenosse, Joseph b. Me-schullam (?)H, legte diese Schäden in einer satirischen Schrift, dieeinen sehr bedeutenden rednerischen Werth hat, schonungslos blos.Der Verfasser (um 1468), der Grund gehabt haben muß, seinenNamen halb zu verhüllen, beginnt seine bittere Geißelung mit einemfingirten Wechselgespräche, worin Betrachtungen über das jammer-volle Elend des jüdischen Stammes angestellt werden, und diesesauf die Entartung des Judenthums, als auf seine Ursache, zurück-geführt wird. „Die reine Quelle der göttlichen Offenbarung sei durchMenschenwerk vielfach getrübt und unkenntlich gemacht. Nicht blosdie Bibel, sondern auch die talmudische Lehre sei durch vielfache Zu-sätze und abergläubische Bräuche überwuchert, und die Verkehrtheitder Kabbala trage ihrerseits zur Trübung bei. Die götzendienerischenIsraeliten haben ehemals gerufen: „o Baal, erhöre uns", und dieJuden der Gegenwart flehen auf dieselbe Weise den Engel Michaeloder eine kabbalistische Sephira an, und setzten solchergestalt Gottzurück." Die geistvolle Satire zeigt in einem Traumgesichte einweibliches Wesen, das voller Wunden, Eiterbeulen und geschundenenLeibes ist und Klagen vor dem Throne eines hehren Königs übererfahrene Mißhandlung und Verstümmelung erhebt. Es ist das Bilddes Gebetes, welches über Entstellung, vielfache unschöne Zusätze,Gedankenlosigkeit und Lippengemurmel vor Gott Klage führt. DerVerfasser geißelte besonders die Rabbinen, daß sie, „die armenHäupter", Bibel und Wissenschaft vernachlässigen, den Talmud spitz-findig auslegen, müßige Fragen ausspintisiren und das Mittel zumZweck umkehren.
Die wüste Kabbala mit ihren windigen Hirngespinsten undwirren Träumen war damals in ihrer Triebkraft eben so sehr*) Bergt. Note 9.