Druckschrift 
8 (1897) Geschichte der Juden von Maimuni's Tod (1205) bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal : 2. Hälfte
Entstehung
Seite
92
Einzelbild herunterladen
 

92

Geschichte der Juden.

Während ihm die Philosophie der Zeit auf bodenlose Abwegegerathen zu sein schien, stand ihm das Judenthum auf unerschütter-lichem Grunde fest, und er bemühte sich, lediglich die Anfechtungenund Einwendungen von seiten jener gegen dieses in ihr Nichts auf-zulösen. Die Religionsphilosophen zerarbeiteten sich, um nur diegöttliche Allwissenheit zu retten, sie auf das Wesentliche, Dauerndeund Allgemeine zu beschränken. Chasdal Crescas setzte sich überdiese zimperliche Bedenklichkeit hinweg und bewies, daß das göttlicheWissen auch das Einzelne und Mögliche umfasse^). Die VorsehungGottes folgte ihm ohne Weiteres daraus; sie erstrecke sich nicht blosauf Gattungen, sondern auch auf Einzelne^). Die Annahme einerunbegrenzten göttlichen Allwissenheit führte Chasda'i Crescas zu einer-kühnen Behauptung: das; der Mensch in seinen Handlungen nichtganz frei sei, daß vielmehr alles Geschehen nothwendig aus einerUrsache folge, und jede bis zur ersten Ursache hinauf das Eintreffendieses oder jenes Zustandes unfehlbar bedinge. Der menschlicheWille folge nicht einer blinden Wahl, sondern sei durch die Glieder-kette vorangegangener Wirkungen und Ursachen bestimmt. In wie-fern könne es aber Lohn und Strafe geben, wenn der Wille nichtfrei ist? Darauf antwortete Chasdai Crescas: Lohn und Strafeerfolgen nicht auf Handlungen, sondern auf Gesinnungen.Wer das Gute das allerdings nothwendig erfolgen müssemit Freudigkeit des Herzens vollbringe, verdiene belohnt zu werden,ebenso wie der, welcher das Böse gern befördere, der Strafe ver-fallen müsset).

Das höchste Gut, dem der Mensch zustreben soll, und der End-zweck der Schöpfung sei die geistige Vollkommenheit des Menschenoder das ewige Leben der Seligkeit. Diese werden aber nichterworben, wie die Philosophen meinen, durch die Aufnahme vontheoretischen und metaphysischen Wahrheiten im Geiste, sondern einzigund allein durch thätige Liebe zu Gott. Das sei der Inbegriffder Religion, und besonders des Judenthums ^). Insofern könneman mit Recht behaupten: Die Welt sei um der Thora willenerschaffen worden, weil sie durch Ideen und Gebote Anleitung zu Ge-sinnungen und Handlungen gebe und so das ewige Leben fördern wolle °).

>) Das. II. 1. -) Das. II. 1.

3) Das. II. 5, 5. Chasdai's Ansicht hat einige Verwandtschaft mitSpinoza's Theorie von der bedingten Willensfreiheit des Menschen, nur daßdieser von kosmischen Principicn ausging, jener sich aber von religiösenPrämissen leiten ließ.

r) Das. II. 6, 1.

°) Das. II. 6, 25.