Chasdar Crescas. 91
heiligen Sprache durchweg verdrängt und in Vernachlässigung ge-bracht hatten.
Eine durchaus nicht alltägliche Leistung hinterließ Chasda'iCrescas, schon am Rande des Grabes und durch die Verfolgungzusammengebrochen. Er war ein tiefer und umfassender Denker, dersich nicht an Einzelnes verlor, sondern das Ganze umspannen wollte.Schon der Plan, den er faßte, ein Werk über alle Seiten desJudenthums nach maimunischer Art auszuarbeiten, die Ideen undGesetze, aus denen die jüdische Lehre besteht, auseinanderzusetzen,das Besondere mit dem Allgemeinen, die auseinander gefallen waren,wieder zu verknüpfen, dieser Plan zeugt nicht blos für seine außer-ordentliche Gelehrsamkeit, sondern noch mehr für seine Geistesklarheit.Das Werk sollte zugleich ein Leitfaden für das Talmudstudium undein Handbuch für die Praxis sein. Der Tod scheint ihn an derAusführung dieser Riesenarbeit gehindert zu haben, und er hatlediglich den philosophischen Theil oder die Einleitung dazu aus-gearbeitet ^). In dieser Einleitung beleuchtet Chasdaä Crescas einer-seits die Principien der Religion im Allgemeinen: das Dasein Gottes,die göttliche Allwissenheit, die Vorsehung, die menschliche Willensfrei-heit, den Zweck des Weltalls, und andererseits die Grundwahrheitendes Judenthums, die Lehre von der Weltschöpfung, der Unsterblichkeitund vom Messias. Chasdar ließ sich aber mehr von dem religiösen,als von dem philosophischen Bedürfniß leiten. Ihm lag nicht so sehrdaran, die Gewißheit zu haben, daß die Grundlehren des Juden-thums mit der Philosophie übereinstimmen (die HauptgedankenarbeitMaimuni's, Gersonides' und Anderer), als vielmehr nachzuweisen,daß jene von dieser nicht berührt und noch weniger erschüttert werden.Ihm imponirte die aristotelisch-mittelalterliche Philosophie nicht mehrso gewaltig wie seinen Vorgängern, sie hatte für ihn bereits ihreStrahlenkrone eingebüßt, weil sein klarer Geist ihre Schwächen tieferals Andere erkannt hatte. Mit kühner Hand riß er daher dieStützen des riesigen Gedankenbaues nieder 2 ), welchen Maimuni aufaristotelischem Grunde aufgeführt hatte,- um das Dasein Gottes undsein Verhältnis; zum Weltall zu beweisen. Vertraut mit dem ganzenGedankenapparat der scholaristischen Philosophie, bekämpfte er sie mitwuchtigen Streichen.
1°! Unter dem Titel '.1 iw, zuerst edirt Ferrara 1556 und daun erst wiederWien 1860, beide Editionen sehr verdorben; der Text bedarf noch der kritischenVergleichung mit Codices. In der Einleitung setzte er den Plan auseinander,wie er das umfassende Werk mrv w bcarbcilen wollte.
") In derselben Schrift 0>- ^.äoual I. 2, 1—20.