Druckschrift 
8 (1897) Geschichte der Juden von Maimuni's Tod (1205) bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal : 2. Hälfte
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

Ausweisung der Juden aus Frankreich. 69

So mußten denn die französischen Juden nach dem zweit-maligen vier und dreißigjährigen Aufenthalte zum Wanderstab greifen,etwa neunzig Jahre nach der ersten Austreibung unter Philippdem Schönen. Aber Karl verfuhr viel milder gegen sie als sein

herzloser Vorfahr. Sie wurden keineswegs, wie damals, aller ihrerHabe beraubt und nackt ausgestoßen. Karl VI. erließ im GegentheilBefehle an den Prevot von Paris und an die Gouverneure derProvinzen, daß sie dafür Sorge tragen möchten, daß die Judenweder an Leib noch an Gut geschädigt werden sollten. Es wurdeihnen auch ein Termin bis zum 3. November eingeräumt, ihreSchulden einzuziehen. Die Pfänder, welche bis dahin noch nichteingelöst sein sollten, hätten die Beamten in Beschlag zu nehmenund die Schuldner aufzufordern, Zahlung zu leisten oder gewärtigzu sein, sie einzubüßen. Die ohne Pfänder ausgeliehenen Schuldensollten die Beamten mit aller Strenge zu Gunsten der Juden ein-treiben. Bis zum Ablauf dieser Zeit durften sie noch im Landebleiben, aber keine Geldgeschäfte machen. Die Beamten wurden auchangewiesen, die Juden sicher und ohne Schädigung über die Grenzezu bringen. Sie verließen aber Frankreich erst gegen das Ende desJahres 1394 oder im Anfang des folgenden ^). Manche Adeligeund Städte waren aber mit der Ausweisung der Juden gar nichtzufrieden. So wollte der Graf von Foix die Gemeinde vonPamier durchaus behalten und mußte von den königlichen Beamtenzur Ausweisung gezwungen werden. In Toulouse blieben zwölfjüdische Familien und in der Umgegend sieben zurück, die alsobesondere Begünstigung erhalten haben müssen. Es blieben auchJuden in denjenigen Landestheilen, welche nicht unmittelbar derfranzösischen Krone unterworfen waren, in der Dauphins, in derProvence im engern Sinne und in Arelat, welche Lehnsländer desdeutschen Kaiserthums waren. Die blühende See- und HandelsstadtMarseille hatte noch lange Zeit nachher eine jüdische Gemeinde?). Selbstdie Päpste von Avignon duldeten die Juden in ihrem kleinen Kirchen-staate Venaissin, in den zwei größeren Städten Avignon undCarpentras, die sich bis auf die neuere Zeit dort erhielten undeinen eigenen Ritus b), verschieden von dem spanischen und französischen,hatten. In dieser Zeit hatte das Papstthum sehr wenig von den bis

I In den Senechallatcn von Toulouse, Carcasonne und Bcaucaire warensie noch am 15. Januar 1895, Oräonunneos V. VII. p. 82.

2) Vcrgl. Lui'inol/, lisvus oi-lsntals, Jahrg. 1842 p. 217 ff. Dcppinga. a. O. p. 196 ff.