Verfall der Einfachheit im jüdischen Spanien. 37
innerste Mark erschüttert. Um ihn ganz zu entwurzeln, mußten sichgewaltige Stöße ein Jahrhundert lang wiederholen. In Frankreichgenügte ein Windhauch, um die losen, nur wie in Flugsand eingesetztenPfropfreiser wegzufegen. Das blutige Drama, dessen erster Akt sichgegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts und dessen letzter erst zuEnde des folgenden abwickelte, haben die spanischen Juden zum Theilselbst verschuldet. Wenn die Judenfeinde sie anklagten, daß sie sichan den Hof und die Granden drängten, daß sie Reichthümer durchWucher häuften, daß sie in seidenen Gewändern rauschten, so warallerdings der Tadel zunächst gegen die jüdischen Großen gerichtet,und die Gesammtheit mußte für deren Unklugheiten und Ueberhebungenmitbüßen. Auch von Sittlichkeit durchdrungene Juden klagten überdie Selbstsucht und Habgier der jüdischen Reichen. „An diesem Ge-brechen haben die jüdischen Fürsten, Adeligen und Reichen am meistenSchuld; sie sind nur auf ihre Ehre und ihre Reichthümer bedacht,auf das Ansehen ihres Gottes nehmen sie wenig Rücksicht" ^). Eswar in der That eine Zerfahrenheit unter den spanischen Juden ein-getreten, welche das Band der Einheit, ihre bisherige Stärke, lockerte.Neid und Mißgunst der Großen gegeneinander untergruben die Brüder-lichkeit, vermöge welcher früher Alle für Einen und Einer für Alleeintraten. Edelmuth und Hochherzigkeit, sonst die glänzenden Eigen-schaften der spanischen Juden, waren nur selten anzutreffen. EinZeitgenosse schildert diese Entartung mit grellen Farben, und wenndiese Schilderung auch nur zur Hälfte zutreffend wäre, so muß derVerfall schlimm genug gewesen sein.
„Die meisten jüdischen Großen" — so berichtet Salomo Alamiin seinem Zuchtspiegel oder Warnungsbrief-) — „welche anden Höfen der Könige verkehren, denen die Schlüssel zu den Staats-schätzen übergeben wurden, thun stolz auf ihre hohe Stellung undihren Reichthum und gedenken nicht der Armen. Sie bauen sichPaläste, fahren auf Prachtwagen oder reiten auf reichgeschmücktenMauleseln, tragen Prachtgewänder und schmücken ihre Frauen undTöchter wie Fürstinnen mit Gold, Perlen und Edelsteinen. Sie sindgleichgiltig gegen die Religion, verachten die Bescheidenheit, hassendie Händearbeit und fröhnen dem Müßiggänge. -— Sie denken nurdaran, sich steuerfrei zu machen und die Last der Abgaben auf dieärmeren Klassen zu wälzen. — Die Reichen lieben Tanz und Spiel,
Isaak Bcn-Schcschet llosxp. idko. 373.
°) Salomo Alami verfaßt 1415 in Portugal, erste Edition
Constant. 1619; ich citire nach der letzten Edition von Jcllinck (Leipzig 1854) pdie grelle Schilderung von p. 26 an.