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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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der Behandlung derselben. Denn von ihm hängt das Interesse ab, dassogleich und unmittelbar in uns erregt werden soll. Daher ist es beinahezur Regel geworden, den Zuhörer gleich in die Mitte der Begebenheit zuversetzen, und in der Thal ist jeder Anfang zu leer und unbestimmt; esbleibt zu ungewiß, was man sich von dem Erfolge versprechen darf, alsdaß schon da eine bedeutende Theilnahme entstehen könnte. Auch unserDichter ist dieser Regel getreu geblieben, er hatte aber hierzu noch einenanderen und wichtigeren Grund.

Der Anfang seiner Handlung ist Hermanns Fahrt nach dem Zugeder Ausgewanderten, und die Vcrtheilung der Geschenke, mit welchen ihnseine Eltern hingcsendet hatten. Diese ganze Scene entzieht er unserenAugen; wir hören nur die Schilderung derselben ans Hermanns und desApothekers Munde; dies aber ist auch die einzige Stelle, wo wir nichtunmittelbare Augenzeugen des Geschilderten sind. Die Hanptgruppc inunserem Gedichte ist Hermanns Familie; wenn wir an der Begebenheit,die unS erzählt wird, Theil nehmen sollen, so müssen wir erst mit dieservertraut werden. Diese müssen wir also auch allein im Vordergründe er-blicken. Hütte der Dichter jene Schaar ansgewandcrter Flüchtlinge, dieVerwirrung ihres Zuges, das Unglück ihrer hülfloscn Lage, unmittelbarselbst uns vorgcfnhrt, so hätte unser Gemüth, durch diesen ungeheurenGegenstand plötzlich erfüllt und zerstreut, sich nicht wieder auf den Punktsammeln können, in welche»! doch eigentlich allein das ganze Interesse verbor-gen liegt. Er hätte, in der Nähe anftreteud, alles Andere gewaltsam nieder-geschlagen, da er jetzt, in der Ferne erscheinend, vielmehr eine überausschöne und verstärkende Wirkung hcrvorbringt. Hat unser Dichter nurerst Zeit gewonnen, nnS seine Personen und ihre Schicksale ans Her; zu legen,so scheut er sich nicht inehr, uns mitten in das größcstc Gewühl zu füh-ren, uns mit den erschütternden Schilderungen eines furchtbaren Kriegesund einer großen Revolution zu unterhalten. Er hat uns einmal einebestimmte Empfindung eingeflößt; statt daß wir aus derselben herausgehensollten, ist er gewiß, daß wir nur ans sie allein alles Fremde beziehen.

Ans diesem Zuge ist cs ferner, daß Dorothea zuerst ihrem Hermannerscheint, und der Dichter erreicht nun ans einmal einen doppelten Zweck,wenn er mit der Begebenheit selbst auch den Eindruck schildert, den sie inihm zurückgelassen hat. Endlich schließt sich die Zeit der ganzen Hand-lung kürzer und schöner zusammen, wenn das Gespräch über HermannsVerheirathnng, das den eigentlichen Anfang der Verwickelung macht, auch

W. v. Humboldt, über lyoetbc'ö Hcrmauu und Dorotbeu. 12