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I-XXXV.
Gesetz des Gleichgewichtes.
Die drei bis jetzt entwickelten Gesetze fließen alle ans dein Begriffeder Darstellung einer Handlung her; sic sind im Ganzen eben so gut derTragödie eigen, und nehmen nur durch den epischen Gebrauch eigene Be-stimmungen an. Die folgenden entspringen mehr ans der eigcnthümlichenNatur der Epopöe, den betrachtenden Sinn unseres Gemüthcs, und zwardenselben in seiner höchsten Allgemeinheit, zu beschäftigen. In dieser Hin-sicht zeigt sich uns zuerst i
4. das Gesetz des Gleichgewichtes. Bon dem Gleichgewichte, inwelchem der epische Dichter alle einzelnen Elemente seiner Totalwirknngerhält, hängt die Ruhe ab, die er in dem Leser bewirken soll. Ohne das-selbe würde zugleich die epische Sinnlichkeit, Stetigkeit und Einheit leiden.Man kann es als den Charakter der Natur, mit welcher der epische Dich-ter uns harmonisch stimmt, anschcn, daß sie,-den ausschließlichen Ansprü-chen Einzelner feind, sogar gegen den nothwcndigen Untergang Einzel-ner gleichgültig, nur mit unermüdlicher Sorgfalt über das Dasein desGanzen wacht. Auch er also darf nur allein darauf sein Augenmerkrichten, und die Wichtigkeit znm Ganzen seines Planes ist der einzigeMaßstab, nach welchem er den Raum abmcsscn darf, den er den einzelnenTheilcn anweisen kann.
Aber vor allem hat er dafür zu sorgen, daß sich keine Empfindungausschließend, oder auch nur mit auffallendem Ucbcrgcwichtc, unserer Seelebemustere. Daher würde z. B. ein eigentlich tragischer Stoff einer wahr-haft epischen Behandlung große Schwierigkeiten in den Weg setzen, daneben der Herrschaft, welche die Gefühle der Furcht und des Mitleidsüber uns ansüben, leicht nicht noch etwas anderes emporkommen kann.Auch ist ein solcher von epischen Dichtern fast nie behandelt worden; denndas Tragische der Messiade z, B. löst sich wenigstens am Ende in Siegund Triumph ans.
Indes; darfman darum dennoch auch einen solchen Stoff nicht ganz undgar ans dem Gebiete der Epopöe verbannen. Bei keiner Dichtnngsartkommt cs eigentlich ans das Object, bei allen nur ans die Art an, wiedasselbe bearbeitet wird. Selbst die vollkommenste Tragödie, um sogleich