145
1.XXII.
Beantwortung dieses ^inwnrfts. — Begriff des Heroischen.
Muß die Epopöe nothwendig einen heroischen Stoff behandeln? undan welchen sicheren und untrüglichen Kennzeichen läßt sich ein solcher vonjedem anderen unterscheiden? — dies sind, sicht man leicht, die beidenFragen, ans welche allein alles hinansläuft. Denn der Mangel heroi-scher Charaktere und Handlungen ist das Einzige, wodurch sich Hermannund Dorothea sichtbar von den übrigen Epopöen unterscheidet.
Der Ausdruck des Heroischen ist ohne hinzngefügte nähere Bestim-mung mehr als Einer Deutung fähig; er kann theils mehr ans die sinn-liche Größe, theils mehr auf die innere Erhabenheit bezogen werden; erläßt ferner verschiedene Grade zu. Allgemein kann man den Heroismusauf eine erschöpfende Weise durch diejenige innere Stimmung definiren, inwelcher, was sonst allein das Geschäft des reinen Willens ist, durch dieEinbildungskraft, aber nach eben den Gesetzen ausgeführt wird, nach wel-chen auch jener gehandelt haben würde. Er unterscheidet sich alsdannvon der heroischen Schwärmerei dadurch, daß in dieser die Einbildungs-kraft nicht gesetzmäßig, sondern willkürlich verfährt. Je nachdem nundieselbe mehr auf die äußeren, oder auf den inneren Sinn bezogen ist;je nachdem sic mehr das Sinnliche, Große und Glänzende, oder das Er-habene sucht, entsteht jene doppelte Art des Heroismus, die, wie überhaupt,so auch für den dichterischen Gebrauch sehr verschieden ist.
Der moralische Heroismus liegt ganz in der Gesinnung, er hatseinen eigenen inneren Werth, und ist von allein, außer der Empfindung,ans der er entspringt, unabhängig; er versetzt uns in eine ernste, abertiefe Rührung, und führt uns in uns selbst und unser Gemüth zurück.Der sinnliche Heroismus hat keinen bestimmten moralischen Werth fürsich selbst; was er hcrvorbringt, ist immer groß und glänzend, aber nichtimmer auch gut und nützlich: er hängt daher oft von Zufälligkeiten ab,und kann sich manchmal auf einen bloß blendenden Schein, auf wirklicheVornrtheile gründen; er versetzt nnö in einen gewissen sinnlichen Schwung,weckt alle Kräfte in uns, die dazu Mitwirken können, und umgicbt unsmit allen den Gegenständen, mit welchen wir, sei es mit Recht oder mit
W. v. Humboldt, über Goethes Hermann und Dorotlica. 10