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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
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sche Dichter es wirklich gcthan hat, oder erhaben und rührend, nnd alsowahrhaft tragisch behandelt werden. In dem crstercn Falle hat er nichtdie Natnr nnd die Wahrheit, in dem letzteren nicht die Ruhe, nnd mithinin keinem oon beiden die Größe und den Umfang, des epischen Gedichtes.Noch weniger aber dürfen sich mit diesem die kleineren Erzählungen messen,die man nur gleichsam Bruchstücke nennen kann, nnd die oft weniger denNamen epischer, als bloß historischer Fragmente verdienen. Sie schilderneinzelne Handlungen, z. B. Herkules Löwenkampf, oder eine andere ähn-liche Begebenheit, sie stellen dieselben als einzelne Gemälde ans, versetzenuns zwar ganz nnd lebendig in ihre Gegenwart, aber halten uns auch indiesem engen Kreise gleichsam gefangen, ohne uns darüber hinaus aufeinen höheren Standpunkt zu führen.

Jndeß erfordert die gerechte Beurtheilung dieser einzelnen Stücke einenicht geringe Vorsicht. Da die Einheit der Epopöe, wie wir gleich nochnäher sehen werden, von der Art ist, daß dieselbe eben so wohl aus ein-zelnen, vorher für sich bestehenden Theilen zusammengesetzt, als ans ein-mal als ein Ganzes gebildet werden kann; da es mehr als wahrscheinlichist, daß selbst die vorzüglichsten epischen Gedichte, die wir besitzen, dieHomerischen, ans diese Weise entstanden sind, so kann der epische Charak-ter jener einzelnen Stücke großentheils erst durch ihre Zusammensetzungentspringen, oder wenigstens gewiß erst in ihr vollkommen sichtbar werden.Zwar muß der geübte Tact des Kenners auch schon in dem einzelnenTheile, ja in wenigen Versen, diese Tauglichkeit, ein Glied in der Or-ganisation eines epischen Ganzen abzngeben, zu bcnrthcilen im Standesein, und wo sie so deutlich ins Auge fällt, wie z. B. in den größerenHomerischen Hymnen, da wird sie nie, auch von dem minder Erfahrenen,verkannt werden. Je schwächer sie sich hingegen ankündigt, desto mehrgeht natürlich diese Kritik ins Feine und Ungewisse.

Bei solchen nicht epischen Erzählungen ist nun — und dies führtuns auf den zweiten Unterschied derselben von der Epopöe — der Dichterin dem Augenblicke, da seine Phantasie sie hervorbringt, nicht von derhohen Begeisterung hingerissen, welche, die ganze Seele mit sich erhebend,ihr nicht mehr erlaubt, bei einzelnen Gestalten stehen zu bleiben, sondernihr erst, wenn sie das Ganze mit ihren: Sinne und ihrer Empfindungumfaßt, eine energische Ruhe gewährt. Wo der Dichter wirkt, ist esimmer die Einbildungskraft, die allein geschäftig ist, welche die Stimmungseiner Seele hervorruft, die ihr selbst analog ist, die ihn höher hinaufführt,