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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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ihr Dasein aufzuopfcrn bereit ist, der Jdyllcnstimmung zuwider. Wiesollte der Mensch, dessen ganzes Wesen in der reinsten Harmonie mit sichselbst, seinen Brüdern und der Natur besteht, auch nur des Gedankens aneigenmächtige Zerstörung fähig sein'? wie sollte er, der alles, wessen er be-darf, in der Nähe um sich herum findet, unruhig in eine weite Ferneschweifen? was könnte er endlich noch bedürfen, außer dem ruhigen Dasein,dein Genuß und der Freude ain Leben, und dem stillen Bewußtsein einesschuldlosen und unbefleckten Gewissens, außer dem Glück überhaupt, wel-ches die Natur und sein eigenes Gemüth ihm von selbst und freiwilligdarbictcn? Wie die Natur selbst, muß sein Dasein in ununterbrochenerRegelmäßigkeit hinfließcn, wie die Jahreszeiten selbst, müssen alle Periodenseines LebcnS sich von selbst, die eine ans der anderen entwickeln, und wiegroß der Rcichthum und die Manmchfaltigkcit von Gedanken und Empfin-dungen sei, die er in diesem einfachen Kreise zu bewahren weiß, so mußdoch darin die Harmonie das Ucbcrgcwicht behaupten, die sich nie in einereinzelnen Aenßernng zeigt, sondern deren Gepräge immer nur dem ganzenLeben, dem ganzen Dasein anfgedrückt ist.

Der Jdhllendichtcr schildert daher immer, seiner Natur nach, nurEine Seite der Menschheit, und sobald er uns in den Standpunkt stellt,von dem wir auch die andere gleich klar übersehen, geht er aus seinemGebiete heraus, und je nachdem er mehr einen ruhigen und allgenieinenlieberblick, oder durch die Vergleichung beider eine bestimmte Empfindungerregt, in das der Epopöe, oder das der Satyre über. Denn diese beidenGattungen, die Idylle und die Satyre, die ans den ersten Anblick einandergerade entgegengesetzt scheinen, sind ans gewisse Weise nahe mit einanderverwandt; und gerade in Satyrendichtern findet man die rührendsten undschönsten Stellen über die Reinheit und Unschuld deS einfachen Natnrlcbens,die sonst allein der Idylle cigenthümlich sind. Beide, die Idylle sowohl alsdie Satyre, schildern das Verhältnis; unseres Wesens zur Natur (mir daßdie crstere beide in Harmonie, die letztere sic in Widerspruch zeigt), undbeide schildern dies Verhältnis; für die Empfindung.

Denn der Jdyllcndichter steht (und dies bildet wiederum einen mäch-tigen Unterschied zwischen ihm und dem epischen) offenbar dem lyrischennäher. Da er Einer Seite der Menschheit einen parteiischen Vorzug vorder anderen crtheilt, so erregt er dadurch mehr die Empfindung, als er dasintellcetuclle Vermögen in Thätigkeit setzt, das, immer allgemein und un-parteiisch, immer auch ein Ganzes umfaßt.