Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
108
Einzelbild herunterladen
 

er mir-, wie rein sich die ganze Individualität desselben gerade in diesemseinen, Werke spiegelt. Und dies ist in der Thal der Fall. Kein andcreöder Gocthe'schcn Gedichte stellt den ganzen Inbegriff seines Dichtercharak-tcrS so sichtbar dar, obgleich einzelne Seiten desselben in anderen natürlich,nnd gerade daran,, weil cs die früheren waren, stärker und glänzendcrerschcincn. Mein wenn jenes Ganze selbst anftreten sollte, musste cS sichdurch die Zeit und mannichfaltige Ucbnng sammeln nnd reinigen, unddie Stimninng, welche dicS Prodnet hcrvorzubringcn oermochte, musste erstdurch Erfahrung nnd Reife vorbereitet werden. Dies fühlt man sehrdentlich, sobald man sich diese Stimninng auch nur einigermaßen vorzn-stellen versucht.

Denn wenn es je einen Mann gab, dem die Ratnr ein offenes Augeverliehen hatte, alles, was ihn ningicbt, rein »nd klar nnd gleichsam mitde», Blicke des Naturforschers anfznnchmcn, der in allen Gegenständendes Nachdenkens nnd der Empfindung mir Wahrheit nnd gediegenen Ge-halt schätzt, nnd vor dem kein Kunstwerk, dem nicht verständige und regel-mäßige Anordnung, kein Raisonnemcnt, de», nicht geprüfte Beobachtung,leine Handlung besteht, der nicht consegnente Maximen zmn Grunde lie-gen; wenn dieser Mann dann durch sein ganzes Wesen zmn Dichter be-stimmt, nnd sein ganzer Eharakter so durchaus mit dieser BestimmungEins geworden ist, daß seine Dichtung selbst überall das Gepräge jenerGrnndsützc und Gesinnungen an der Stirn trägt; wenn derselbe endlicheine Reihe von Jahren durchlebt hat, wenn er, mit dem klassischen Geisteder Alten vertrant, nnd von dem besten der Neueren durchdrungen, zugleichso individuell gebildet ist, daß er mir unter seiner Nation nnd in seinerZeit cniporkoimncn konnte, daß alles Fremde, was er sich aneignct, danachsich nmgcstaltet, nnd er sich nur in seiner vaterländischen Sprache darzn-stellen vermag, in jeder anderen aber, nnd zwar gerade für seine Eigen-thümlichkeit, schlechterdings unübersetzbar bleibt; wenn cS ihm nun so ge-lingt, die Resultate seiner Erfahrungen über Menschenleben nnd Menschcn-glück in eine dichterische Idee znsainmcnznfasscn nnd diese Idee vollkommenanSznführcn dann musste, nnd nur so konnte ei» Gedicht, wie das ge-genwärtige ist, entstehen. Denn so unzertrennbar vereint ist der so ebengeschilderte Eharakter darin anSgcdrückt, daß cs nicht möglich ist, eineneinzelnen Zug davon allein heranSzuheben; so innig verknüpft eS de»einfachen Sinn des Alterthmnö mit der fortschreitenden Enltur neuererZcit; und so durchaus scheint cs aus einen, Geiste geflossen, der in der