Druckschrift 
Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
106
Einzelbild herunterladen
 

106

dcnhcit selbst durch Objectivität, Harmonie und die Totalität, die sich indem Leser durch Ruhe ankündigt, den Alten ungleich näher kommt, alsirgend einer von jenen.

Die Seite seines Charakters, von welcher aus derselbe zum Fehler-haften ansartcn kann, und wirklich vielleicht manchmal darein verfällt, istdie Einfachheit seiner Mittel. Was man ihm daher vielleicht hie undda vorwcrfcn könnte, ist Mangel an Vielfachheit der Handlung und Be-wegung, Mannichfaltigkeit der Gestalten, Fülle und Abwechselung derDietion und des WohlklangcS, mit einem Worte Mangel an sinnlichemReichthnni; was ihn aber auch hier wieder charaktcrisirt, ist daß dies niezum Mangel auch an sinnlicher Individualität ansschlägt. Denn derBestimmtheit der Umrisse und der Stetigkeit der Bewegung fehlt nie auchnur das Blindeste.

Wenn er in der Reinheit der Formen und dem Scelenvollen desAusdrucks ciue auffallende Aehntichkeit mit Raphael darstellt, so erinnerter an ihn auch durch ein manchmal dürftig scheinendes Colorit.

XU

Rechtfertigung des tan der Zeichnung dieses Ohnrnltcrs gewühlten Ganges

Um diesen Charakter unseres Dichters so kurz und bestimmt, als csunsere Absicht war, zeichnen, und diese Schilderung zugleich rechtfertigenzu können, glaubten wir den langen Weg cinschlagcn zu müssen, den nurnunmehr zurückgclcgt haben. Da wir auf demselben vorzüglich zweiDinge zu erörtern hatten, den einfachen Kunstsinn und den hohen intcl-lcctncllen und sentimentalen Gehalt des Dichters, so widmeten wir natür-lich dem ersteren, als dem Wesentlichsten, zuerst und am ausführlichstenunsere Sorgfalt.

Wir gingen daher von dem Wesen aller Knust überhaupt anS, undda dicS in nichts anderem besteht, als in der Auflösung der Aufgabe:daS Wirkliche in ein Bild zu verwandeln; so suchten wir diejenige dichte-rische Methode ans, welche die Einbildungskraft am entschiedensten nöthigt,ein gewisses und zwar in allen seinen Formen bestimmtes Bild frei undrein aus sich selbst zu erzeugen.