Diese schwermüthigc Stimmung einer unerfüllten, sich selbst nichtrecht verständlichen Sehnsucht war den Alten, und besonders den Griechen,fremd. Bei ihnen, in ihrer mehr sinnlichen und genießenden Natur, inihrem freieren und leichteren Leben, entstand immer die Begierde nur zu-gleich mit dem Gegenstände, oder führte denselben doch in glücklichemBunde immer unmittelbar mit herbei, und wenn cs vielleicht davon Aus-nahmen gab, so konnten sic dem Dichter nicht vorschwcben, der, immernur hell und freundlich beleuchtete und große Blassen im Auge, nur ansdie Natur und die Welt, nie einseitig in sich zurück blickte. Daß in »nSGedanken und Empfindungen sich unruhiger drängen, daß unsere äußereLage uns öfter Hindernisse und Arbeit entgegensetzt, als uns leichten undfrohen Genuß gicbt, und uns öfter mit strengem Ernst in uns znrück-schcncht, dies richtet zwischen unserem Gemüthe und der Welt eine oft un-übcrsteiglichc und undurchdringliche Scheidewand ans.
Die zweite Stelle, die wir anführcn wollten, ist von ganz andererNatur. Sic ist nicht den Alten überhaupt, nur ihren frühesten Musternfremd und müßte, wenn der Dichter sic nicht so fest dem Ganzen cin-vcrleibt hätte, zu der Gattung der spielenden gezählt werden. Wir mei-nen hier den Augenblick, wo die beiden Liebenden sich in dem Spiegeldes Brunnens znwinken, den der Dichter sogar zweimal, nicht ohne einegewissermaßen absichtliche Symmetrie, beim Anfänge und am Ende ihresGespräches benutzt hat.
Dieser Einfall, ein Medium dazwischen zu schieben, in welchem sichdie Blicke des Jünglings und des Mädchens dreister als in der Wirklich-keit begegnen, beruht schon ans etwas Achnlichcm mit dem, was wir soeben ansführtcn, ans einer gewissen Schüchternheit, einer Ungewißheitdes Gelingens; cs ist schon etwas, das ans der bloßen Natur hinansgehtund eine eigene Stimmung der Einbildungskraft voranSsctzt. Die spä-teren Griechen und Römer, z. B. Ovid, behandeln Stellen dieser Art,die in ihnen sogar häufig Vorkommen, ans eine gewissermaßen tändelndeWeise, bloß als zierliche Bilder, als gefällige Spiele der Phantasie.Unser Dichter aber hat diesen Moment so gut anS der Empfindung derbeiden Personen hcrvorgehcn lassen und ihn so glücklich motivirt, daßer ihm dadurch einen viel größeren Gehalt und eine viel wichtigere Wir-kung verschafft.
Allein Stellen dieser Art könnten nicht anders als die Einheitdes Ganzen stören, wenn nicht dies selbst eine solche eben beschriebene