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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
Seite
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ansgebildet. lieber die wichtigsten menschlichen Behältnisse hören wirentgegengesetzte Meinungen mit einander ausgleichcn; das Erhabenste, wasüber die Begebenheiten unserer Zeit gedacht werden kann, finden wir inseiner ganzen einfachen (tröste und vollkommen dichterisch ausgcdrückt;unser Geist schwingt sich zu einer Höhe der Gedanken, dic, mau muß offenherzig gestehen, den Alten schlechterdings fremd war. Es istnicht, daß wir sie sc in dem Gehalte gediegener Weisheit übcrtreffcn,je dic letzten Resultate besser und fester zusammcnknüpfcn könnten; aberes ist nur, daß sic den Gedanken, der doch auch so einer vollkommen künst-lerischen Behandlung fähig ist, nie rein und für sich Verfolgen und daherauch unserer Seele nicht den intclleetncllcn Schwung mitznthcilen ver-mögen, von welchem dies immer begleitet ist.

Ans eine ähnliche Weise verhält cs sich mit der Empfindung. Wennwir Hermann und Dorothea ans ihrem Wege zur Wohnung der Elternbegleiten, wie innig gehen wir da in ihre Gefühle ein, wie durchdrungenwir sie bis ans dic innersten Falten ihres Herzens, und wie tief führtnnS dies in unsere eigene Brust, in dic ganze Menschheit zurück! Niemandkommt den Alten in der Wahrheit und Stärke gleich, mit der sic Gefühleund sicidcnschaftcn schildern. Aber wieder, weil sie sich auch in dies Ge-biet nicht so einsam einschlicßen, weil sie dic Empfindung mehr im Gan-zen und in ihren Acnßernngcn zeichnen, als im Einzelnen, und für sichentwickeln, so versetzen sic uns nicht in die zarte, leise, verwundbare Stim-mung, deren wir uns hier nicht erwehren können.

Dadurch sind zugleich alle Charaktere, nicht zwar in Rücksicht ansdie natürliche Kraft und Schönheit, aber in Rücksicht auf eine gewissefeinere Bildung, um eine Stufe höher gestellt. So einfach und echt antikz. B. Dorothea geschildert ist, so besitzt das Alterthnm dennoch keine weib-liche Gestalt, dic ihr an innerer Zartheit gleich käme. Selbst in Her-mann ist etwas, wofür dic Helden der Alten keinen Sinn haben würden;und wenn die Mutter schöner und größer gehalten ist, als wir es inirgend einem anderen alten oder neueren Dichter finden, wodurch ist diesgeschehen, als dadurch, daß ihr ein zarterer und doch gleich reinerer Be-griff von Weiblichkeit nntergelegt ist?

Wir sind darum weit entfernt zu behaupten, daß dieser moderneCharakter, an sich genommen, einen Vorzug vor dem antiken besäße, undnoch mehr, daß dies in Ansehung der Forderungen der Kunst der Fallwäre. Aber da demselben gemäß zwar keine bessere und kräftigere, wohl