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XIX.
Eigcnlhümliche Natur dcr Dichtkunst, als einer redenden Kunst.
Wir haben die Dichtkunst im vorigen Abschnitt mehr, in sofern sicvon der bitdcndcn verschieden, als in sofern sie ihr entgegengesetzt ist, be-trachtet. Aon dieser letzteren Seite könnten wir auch dieselbe füglich ganzmit Stillschweigen übergehen, da sic von dieser das gegenwärtige Gedichtnicht berühren kann. Um indeß die ganze Materie vollständiger zu er-schöpfen, sei »ns noch diese Abschweifung erlaubt. Je mehr man dieNatur der Dichtkunst, als einer bloß redenden Kunst, erörtert, desto klarerwird man begreifen, wie es möglich ist, sie als bildende zu behandeln.
Die Poesie ist die Kunst durch Sprache. In dieser kurzen Be-schreibung liegt für denjenigen, welcher den vollen Sinn dieser beidenWörter faßt, ihre ganze hohe und unbegreifliche Natur. Sie soll denWiderspruch, worin die Kunst, welche nur in dcr Einbildungskraft lebtund nichts als Individuen will, mit der Sprache steht, die bloß für denVerstand da ist, und alles in allgemeine Begriffe verwandelt, — diesenWiderspruch soll sic, nicht etwa lösen, so daß nichts an die Stelletrete, sondern vereinigen, daß ans bcidem ein Etwas werde, was mehrsei, als jedes einzeln für sich war. Ueberall aber, wo im Menschenwidersprechende Eigenschaften zu etwas Neuem verknüpft werden, da ist ergewiß, in seiner höchsten Natur zu erscheinen. Denn diese Eigenschaftenwidersprechen sich schlechterdings so lange, als seine innere Geistcsstim-mnng dcr wirklichen Welt um ihn her gleicht, und cs giebt kein anderesMittel, sie zu vereinigen, als wenn man ihn aus dieser Beschränktheithinweg in ein unendliches Feld versetzt, ihn an dcr Hand dcr Philosophiein die Region der Ideen hinübcrführt, oder auf den Flügeln dcr Poesiezu Idealen erhebt.
Die Sprache ist das Organ dcS Menschen, die Kunst ist amnatürlichsten ein Spiegel dcr Welt um ihn her, weil die Einbildungs-kraft im Gefolge der Sinne am leichtesten äußere Gestalten zurückführt.Dadurch ist die Dichtkunst unmittelbar, und in einem weit höheren Sinne,als jede andere Kunst, für zwei ganz verschiedene Gegenstände gemacht:für die äußeren und die inneren Formen, für die Welt und den Menschen;und dadurch kann sie in einer zwiefachen, sehr verschiedenen Gestalt er-