Die Architektonik der reinen Vernunft. 621
priori enthalten, und dieses von allen anderen sicher und nach Prin-cipien unterscheiden muß.
Niemand versucht cs, eine Wissenschaft zu Stande zu bringen,ohne daß ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein in der Ausar-beitung derselben entspricht das Schema, ja sogar die Definition,die er gleich zu Anfänge von seiner Wissenschaft gibt, sehr seltenseiner Idee; denn diese liegt wie ein Keim in der Vernunft, inwelchem alle Theile noch sehr eingewickelt, und kaum der mikrosko-pischen Beobachtung kennbar verborgen liegen. Um deswillen mußman Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem Gesichtspunkte einesgewissen allgemeinen Interesse ausgedacht werden, nicht nach derBeschreibung, die der Urheber derselben davon gibt, sondern nachder Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Theile, dieer zusammengcbracht hat, in der Vernunft selbst gegründet findet,erklären und bestimmen. Denn da wird sich finden, daß der Ur-heber und oft noch seine spätesten Nachfolger um eine Idee hcrum-irren, die sie sich selbst nicht haben deutlich machen und daher deneigenthümlichen Inhalt, die Articulation (systematische Einheit) undGrenzen der Wissenschaft nicht bestimmen können.
Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit,nach Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistischviele dahin sich beziehende Erkenntnisse als Bauzeug gesammelt, jagar lange Zeiten hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, esuns denn allererst möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblickenund ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft architektonisch zuentwerfen. Die Systeme scheinen, wie Gewürme, durch eineZenerstio ueguivocu, aus dein blosen Zujammenstuß von ausgc-sammelten Begriffen, Anfangs verstümmelt, mit der Zeit vollständiggebildet worden zu sein, ob sie gleich alle insgcsammt ihr Schema,als den ursprünglichen Keim, in der sich blos entwickelnden Ver-nunft hatten, und darum nicht allein ein jedes für sich nach einerIdee gegliedert, sondern noch dazu alle unter einander in einemSystem menschlicher Erkenntniß wiederum als Glieder eines Gan-zen zweckmäßig vereinigt sind, und eine Architektonik alles menjch-