Vom Meinen, Wissen und Glauben. 017
Aber der blos doctrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich;man wird oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Speculatioirvorsindcn, aus demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazuimmer wiederum zurückkchrt.
Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt.Denn da ist es schlechterdings nothwcndig, daß etwas geschehenmuß, nämlich daß ich dem sittlichen Gesetze in allen StückenFolge leiste. Der Zweck ist hier unumgänglich festgestcllt, und csist nur eine einzige Bedingung nach aller meiner Einsicht möglich,unter welcher dieser Zweck mit allen gesummten Zwecken zusammen-hängt, und dadurch praktische Gültigkeit habe, nämlich, daß einGott und eine künftige Welt sei; ich weiß auch ganz gewiß, daßNiemand andere Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit derZwecke unter dem moralischen Gesetze führen. Da aber also diesittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist, (wie denn die Ver-nunft gebietet, daß sie cs sein soll,) so werde ich unausbleiblich einDasein Gottes und ein künftiges Leben glauben und bin sicher, daßdiesen Glauben nichts wankend machen könne, weil dadurch meinesittlichen Grundsätze selbst umgestürzt werden würden, denen ich nichtentsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen verabscheuungswürdigzu sein.
Auf solche Weise bleibt uns, nach Vereitlung aller ehrsüchtigenAbsichten einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus herum-schweifcndcn Vernunft noch genug übrig, daß wir damit in prak-tischer Absicht zufrieden zu sein Ursache haben. Zwar wird freilichsich Niemand rühmen können, er wisse, daß ein Gott und daß einkünftig Leben sei; denn wenn er das weiß, so ist er gerade derMann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen, (wenn cs einenGegenstand der bloscn Vernunft betrifft,) kann man mittheilen, undich würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung meinWissen in so bewundrungswürdigem Maaße ausgedehnt zu sehen.Nein, die Ucberzeugung ist nicht logische, sondern moralische Ge-wißheit, und da sie auf subjcctivcn Gründen (der moralischen Ge-sinnung) beruht, so muß ich nicht einmal sagen: es ist moralisch