Von dem Ideal des höchsten Guts. 603
Ich nehme an, daß cs wirklich reine moralische Gesetze gebe,die völlig a priori, (ohne Rücksicht auf empirische Bcwcgungs.gründe d. i. Glückseligkeit) das Thun und Lassen d. i. den Gebrauchder Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt bestimmen, unddaß diese Gesetze schlechterdings, (nicht blos hypothetisch unterVoraussetzung anderer empirischen Zwecke) gebieten und also in allerAbsicht nothwendig sind? Diesen Satz kann ich mit Recht voraus-sctzcn, nicht allein, indem ich mich auf die Beweise der aufgeklär-testen Moralisten, sondern auf das sittliche Urlhcil eines jeden Men-schen berufe, wenn er sich ein dergleichen Gesetz deutlich denken will.
Die reine Vernunft enthalt also, zwar nicht in ihrem spccula-tivcn, aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem mora-lischen Gebrauche Principien der Möglichkeit der Erfahrung,nämlich solcher Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäßin der Geschichte des Menschen anzutresfcn sein könnten. Dennda sie gebietet, daß solche geschehen sollen, so müssen sie auch ge-schehen können, und cs muß also eine besondere Art von systemati-scher Einheit, nämlich die moralische, möglich sein, indessen daß diesystematische Natureinhcit nach spekulativen Principien derVernunft nicht bewiesen werden konnte, weil die Vernunft zwar inAnsehung der Freiheit überhaupt, aber nicht in Ansehung der ge-summten Natur Causalität hat, und moralische Vernunstprincipienzwar freie Handlungen, aber nicht Naturgesetze hcrvorbringcn können.Demnach haben die Principien der reinen Vernunft in ihrem prakti-schen, namentlich aber dem moralischen Gebrauche objektive Realität.
Ich nenne die Welt, so fern sie allen sittlichen Gesetzen gemäßwäre, (wie sie cs denn nach der Freiheit der vernünftigen Wesensein kann, und nach den nothwendigcn Gesetzen der Sittlichkeitsein soll,) eine moralische Welt. Diese wird so fern blos alsintclligible Welt gedacht, weil darin von allen Bedingungen (Zwecken)und selbst von allen Hindernissen der Moralität in derselben (Schwächeoder Unlauterkeit der menschlichen Natur) abstrahirt wird. So fernist sie also eine blose, aber doch praktische Idee, die wirklich ihrenEinfluß auf die Sinnenwelt haben kann und soll, um sic dieser