Druckschrift 
2 (1838) Immanuel Kant's Kritik der reinen Vernunft
Entstehung
Seite
584
Einzelbild herunterladen
 

Methodenlehre. I- Haupts?. III. Abschn.

584

oft vom Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Ein-fällen, oft sogar vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeitwider die Meinung der auf Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauereines Geschöpfs, dessen Leben unter so unerheblichen und unsererFreiheit so ganz und gar überlassenen Umstanden zuerst angefangcnhat. Was die Fortdauer der ganzen Gattung (hier auf Erden)betrifft, so hat diese Schwierigkeit in Ansehung derselben wenig aufsich, weil der Zufall im Einzelnen nichts desto weniger einer Regelim Ganzen unterworfen ist; aber in Ansehung eines jeden Individuumeine so mächtige Wirkung von so geringfügigen Ursachen zu erwarten,scheint allerdings bedenklich. Hiewidcr könnt ihr aber eine trans-seendentalc Hypothese aufbictcn: daß alles Leben eigentlich nur intcl-ligibel sei, den Zcitvcränderungcn gar nicht unterworfen, und wederdurch Geburt angcfangen habe, noch durch den Tod geendigt werde.Daß dieses Leben nichts, als eine blose Erscheinung d. i. eine sinn-liche Vorstellung von dein reinen geistigen Leben, und die ganzeSinnenwclt ein bloscs Bild sei, welches unserer jetzigen Erkcnntnißartvorschwcbt, und, wie ein Traum, an sich keine objcctive Realitäthabe; daß, wenn wir die Sachen und uns selbst anschaucn sollen,wie sie sind, wir uns in einer Welt geistiger Naturen sehen würden,mit wclchcr unsere einzig wahre Gemeinschaft weder durch Geburtangcfangen habe, noch durch den Leibcstod (als blose Erscheinungen)aufhören werde u. s. w.

Ob wir nun gleich von Allem diesem, was wir hier wider denAngriff hypothetisch verschätzen, nicht das Mindeste wissen, noch imErnste behaupten, sondern Alles nicht einmal Vcrnunftidee, sondernblos zur Gegenwehr ausgcdachtcr Begriff ist, so verfahren wir dochhiebei ganz vcrnunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alleMöglichkeit erschöpft zu haben meint, indem er den Mangel ihrerempirischen Bedingungen für einen Beweis der gänzlichen Unmög-lichkeit des von uns Geglaubten fälschlich ausgibt, nur zeigen: daßer eben so wenig durch blose Erfahrungsgcsetze das ganze Feldmöglicher Dinge an sich selbst umspannen, als wir außerhalb derErfahrung für unsere Vernunft irgend etwas auf gegründete Art