582 Methodenlehre, l Hauptst. Hl. Abschn.
Gegner eben so wenig wissen kann, um das Widcrspiel zu behaupten.Diese Gleichheit des Looses der menschlichen Vernunft begünstigt nunzwar im speculativen Erkenntnisse keinen von beiden, und da istauch der rechte Kampfplatz nimmer beizulegcnder Fehden. Es wirdsich aber in der Folge zeigen, daß doch, in Ansehung des praktischenGebrauchs, die Vernunft ein Recht habe, etwas anzunehmcn, wassie auf keine Weise im Felde der blosen Spekulation ohne hinrei-chende Beweisgründe vorauszusetzen befugt wäre; weil alle solcheVoraussetzungen der Vollkommenheit der Spekulation Abbruch thun,um welche sich aber das praktische Interesse gar nicht bekümmert.Dort ist sie also im Besitze, dessen Rechtmässigkeit sie nicht beweisendarf, und wovon sie in der That den Beweis auch nicht führenkönnte. Der Gegner soll also beweisen. Da dieser aber eben sowenig etwas von dem bezweifelten Gegenstände weiß, um dessenNichtsein darzuthun, als der erstere, der dessen Wirklichkeit behauptet,so zeigt sich hier ein Vortheil auf der Seite desjenigen, der etwasals praktisch nothwendige Voraussetzung behauptet (inelior est eon-äitio possillentis). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam ausNothwchr eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegnerwider dieselbe, d. i. der Hypothesen zu bedienen, die gar nicht dazudienen sollen, um den Beweis derselben zu verstärken, sondern nurzu zeigen, daß der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstände desStreites verstehe, als daß er sich eines Vortheils der speculativenEinsicht in Ansehung unserer schmeicheln könne.
, Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur alsKriegswaffen erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, son-dern nur es zu vertheidigcn. Den Gegner aber müssen wir hierjederzeit in uns selbst suchen. Denn speculative Vernunft in ihremtranssccndentalen Gebrauche ist an sich dialektisch. Die Einwürfe,die zu fürchten sein möchten, liegen in uns selbst. Wir müssen sie,gleich alten, aber niemals verjährenden Ansprüchen hervorsuchen, umeinen ewigen Frieden auf deren Vernichtigung zu gründen, AcußereRuhe ist nur scheinbar. Der Keim der Anfechtungen, der in derNatur der Menschenvernunft liegt, muß gusgcrottet werden; wie