Die Discipli» der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen. 581
werden, die zwar nicht ohne Schein, aber doch ohne alle Beglau-bigung sind, außer derjenigen, welche ihnen die zum Hauptgründeangenommene Meinung gibt, der sie gleichwohl das Wort reden sollen.
Wenn die hier zum Beispiele angeführten Nernunftbehauptungen(unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens)nicht als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmata geltensollen, so ist alsdenn von ihnen gar nicht die Rede. In solchemFalle aber sehe man sich ja vor, daß der Beweis die apodiktischeGewißheit einer Demonstration habe. Denn die Wirklichkeit solcherIdeen blos wahrscheinlich machen zu wollen, ist ein ungereimterVorsatz, eben so, als wenn man einen Satz der Geometrie bloswahrscheinlich zu beweisen gedächte. Die von aller Erfahrung ab-gesonderte Vernunft kann Alles nur » priori und als nothwcndig,oder gar nicht erkennen; daher ist ihr Urtheil niemals Meinung,sondern entweder Enthaltung von allem Urtheile, oder apodiktischeGewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urtheile von dem, wasDingen zukommt, können nur als Erfahrungsgründe dessen, waswirklich gegeben ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von dem,was als wirklich zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe derGegenstände der Erfahrung Vorkommen. Außer diesem Felde istmeinen so viel, als mit Gedanken spielen, es müßte denn sein,daß man von einem unsicheren Wege des Urtheils blos die Mei-nung hätte, vielleicht auf ihm die Wahrheit zu finden.
Ob aber gleich bei blos spcculativen Fragen der reinen Vernunftkeine Hypothesen Statt finden, um Sätze darauf zu gründen, sosind sie dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu vertheidigen,d. i. zwar nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche.Ich verstehe aber unter Vertheidigung nicht die Vermehrung de»Beweisgründe seiner Behauptung, sondern die blose Vereitelung derSchcineinsichten des Gegners, welche unserem behaupteten SatzeAbbruch thun sollen. Nun haben aber alle synthetische Sätze ausreiner Vernunft das Eigcnthümliche an sich, daß, wenn der, welcherdie Realität gewisser Ideen behauptet, gleich niemals so viel weiß,um diesen seinen Satz gewiß zu machen, auf der anderen Seite der