50» Methodenlehrc. I. Hauptst. II. Abschn.
noch schwache, aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten,und ihn den Versuch machen zu lassen, die grundlosen Behauptun-gen des Gegners Stück vor Stück an jenen Grundsätzen zu prü-fen. Es kann ihm gar nicht schwer werden, sie in lauter Dunstaufzulösen, und so fühlt er frühzeitig seine eigene Kraft, sich widerdergleichen schädliche Blendwerke, die für ihn zuletzt allen Scheinverlieren müssen, völlig zu sichern. Ob nun zwar eben dieselbenStreiche, die das Gebäude des Feindes Niederschlagen, auch seinemeigenen spekulativen Bauwerke, wenn er etwa dergleichen zu errich-ten gedächte, eben so verderblich sein müssen, so ist er darüberdoch gänzlich unbekümmert, indem er es gar nicht bedarf, darinnenzu wohnen, sondern noch eine Aussicht in das praktische Feld vorsich hat, wo er mit Grunde einen festeren Boden haben kann, umauf demselben sein vernünftiges und heilsames System zu errichten.
So gibt's demnach keine eigentliche Polemik im Felde der rei-nen Vernunft. Beide Theile sind Luftfechter, die sich mit ihremSchatten herumbalgcn; denn sie gehen über die Natur hinaus, wofür ihre dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassenund halten ließe. Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die siezerhauen, wachsen, wie die Helden in Walhalla, in einem Augen-blicke wiederum zusammen, um sich aufs Neue in unblutigen Käm-pfen belustigen zu können.
Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch derreinen Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralitätbei allen ihren Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft widersich selbst zu verhetzen, ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichenund alsdcnn ihrem hitzigsten Gefechte ruhig und spöttisch zuzuschen,sieht aus einem dogmatischen Gesichtspunkte nicht wohl aus, son-dern hat das Ansehen einer schadenfrohen und hämischen Gcmüths-art an sich. Wenn man indessen die unbezwingliche Verblendungund das Großthun der Vernünftler, die sich durch keine Kritik willmäßigen lassen, ansieht, so ist doch wirklich kein anderer Rath, alsder Großsprecherei auf einer Seite eine andere, welche auf ebendieselben Rechte fußet, entgegen zu setzen, damit die Vernunft durch