Die Difciplin der reinen Vernunft im polem. Gebrauche. LV7
und von der frühen Kenntniß so gefährlicher Sätze abgchaltcn wer-den, che ihre Urteilskraft gereift, oder vielmehr die Lehre, welcheman in ihnen gründen will, fest gewurzelt ist, um aller Ucberrc-dung zum Gegentheil, woher sie auch kommen möge, kräftig zuwiderstehen?
Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der rei-nen Vernunft bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlichpolemisch d. i. so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht ein-licße und mit Beweisgründen zu entgegengesetzten Behauptungen be-waffnete, so wäre freilich nichts rathsamcr vor der Hand, aberzugleich nichts eitler und fruchtloser auf die Dauer, als die Ver-nunft der Jugend eine Zeit lang unter Vormundschaft zu setzen undwenigstens so lange vor Verführung zu bewahren. Wenn aber inder Folge entweder Neugierde, oder der Modeton des Zeitalters ihrdergleichen Schriften in die Hände spielen: wird alsdenn jenejugendliche Ueberredung noch Stich halten? Derjenige, der nichts,als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen seines Geg-ners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht minderin seinem eigenen Busen, als in dem des Gegentheils liegt, nichtzu entwickeln weiß, sieht Schcingründe, die den Vorzug der Neuig-keit haben, gegen Schcingründe, welche dergleichen nicht mehr haben,sondern vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeitder Jugend erregen, auftretcn. Er glaubt nicht besser zeigen zukönnen, daß er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sichüber jene wohlgemeinte Warnungen wegsctzt, und, dogmatisch ge-wöhnt, trinkt er das Gift, das seine Grundsätze dogmatisch ver-dirbt, in langen Zügen in sich.
Gerade das Gegentheil von dem, was man hier anräth, mußin der akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unterder Voraussetzung eines gründlichen Unterrichts in der Kritik derreinen Vernunft. Denn um die Principicn derselben so früh alsmöglich in Ausübung zu bringen und ihre Zulänglichkeit bei demgrößten dialektischen Scheine zu zeigen, ist es durchaus nöthig, diefür den Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine, obzwar