566 Melhodcnlehre. I- Hauptst. H. Abschn.
worin ein Jeder seine Stimme hat; und da von dieser alle Besserung,deren unser Zustand fähig ist, Herkommen muß, so ist ein solchesRecht heilig und darf nicht geschmälert werden. Auch ist es sehrunweise, gewisse gewagte Behauptungen oder vermessene Angriffe aufdie, welche schon die Beistimmung des größten und besten Theilsdes gemeinen Wesens auf ihrer Seite haben, für gefährlich auszu-schreien; denn das heißt ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie garnicht haben sollten. Wenn ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopfdie Freiheit des menschlichen Willens, die Hoffnung eines künftigenLebens, und das Dasein Gottes wcgdcmonstrirt haben solle, so binich begierig, das Buch zu lesen, denn ich erwarte von seinem Talent,daß er meine Einsichten weiter bringen werde. Das weiß ich schonzum Voraus völlig gewiß, daß er nichts von Allem diesem wirdgeleistet haben, nicht darum, weil ich etwa schon im Besitze un-bezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein glaubte, sondernweil mich die transscendentale Kritik, die mir den ganzen Vorrathunserer reinen Vernunft aufdcckte, völlig überzeugt hat, daß, sowiesie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglichist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über dieseFragen etwas verneinend behaupten zu können. Denn wo will derangebliche Freigeist seine Kcnntniß hernehmen, daß es z. B. keinhöchstes Wesen gebe? Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicherErfahrung und darum auch außer den Grenzen aller menschlichenEinsicht. Den dogmatischen Vertheidigcr der guten Sache gegendiesen Feind würde ich gar nicht lesen, weil ich zum voraus weiß,daß er nur darum die Scheingründe des Anderen angrcisen werde,um seinen eigenen Eingang zu verschaffen, überdem ein alltägigerSchein doch nicht so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt, als einbefremdlicher und sinnreich ausgedachtcr. Hingegen würde der nachseiner Art auch dogmatische Religionsgegner meiner Kritik gewünschteBeschäftigung und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätzegeben, ohne daß seinetwegen im Mindesten etwas zu befürchten wäre.
Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anver-traut ist, soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt