564
Methodcnlchre. I- Haupkst. I!. Abschn.
zu kommen, als den vermeintlichen Gegnern derselben auch nur denVorthcil zu lasten, unseren Ton zur Mäßigung einer blos praktischenUeberzcugung herabzustimmcn und uns zu nöthigen, den Mangel derspeculativen und apodiktischen Gewißheit zu gestehen. Indessen sollteich denken, daß sich mit der Absicht, eine gute Sache zu behaupten,in der Welt wohl nichts übler, als Hinterlist, Verstellung und Betrugvereinigen lasse. Daß in Abwicgung der Vcrnunstgründe einer blosenSpeculation Alles ehrlich zugehen müsse, ist wohl das Wenigste,was man fordern kann. Könnte man aber auch nur auf diesesWenige sicher rechnen, so wäre der Streit der speculativen Vernunftüber die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit (der Seele)und der Freiheit entweder längst entschieden, oder würde sehr baldzu Ende gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit der Ge-sinnung im umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sacheselbst, und diese hat vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner,als Vertheidigcr.
Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrechtvertheidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist cs nun entschieden,daß nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht aufdasjenige sieht, was geschieht, sondern was billig geschehen sollte,cs eigentlich gar keine Polemik der reinen Vernunft geben müsse.Denn wie können zwei Personen einen Streit über eine Sache führen,deren Realität keiner von beiden in einer wirklichen, oder auch nurmöglichen Erfahrung darstellen kann, über deren Idee er allein brütet,um aus ihr etwas mehr, als Idee, nämlich die Wirklichkeit desGegenstandes selbst herauszubringcn? Durch welches Mittel wollensie aus dem Streite herauskommen, da keiner von beiden seine Sachegeradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur die seines Gegnersangreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das Schicksal allerBehauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die Bedin-gungen aller möglichen Erfahrung hinausgchen, außerhalb welchenkein Dokument der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich abergleichwohl der Verstandcsgesetze, die blos zum empirischen Gebrauchbestimmt sind, ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken