562 Methodcnlchre. I- Hauptst. II. Abschn.
andere Mittel ergreift, als die einer zwangsloscn Vernunft, wennihr über Hochverrat!) schreiet, das gemeine Wesen, das sich auf sosubtile Bearbeitungen gar nicht versteht, gleichsam als zum Feuer-löschen zusammen ruft, so macht ihr euch lächerlich. Denn es istdie Rede gar nicht davon, was dem gemeinen Besten hierunter vor-thcilhaft oder nachtheilig sei, sondern nur, wie weit die Vernunft cswohl in ihrer von allem Interesse abstrahirendcn Speculativn bringenkönne, und ob man auf diese überhaupt etwas rechnen, oder sielieber gegen das Praktische gar aufgeben müsse. Anstatt also mitdem Schwerte drein zu schlagen, so sehet vielmehr von dem sicherenSitze der Kritik diesem Streite ruhig zu, der für die Kämpfendenmühsam, für euch unterhaltend, und, bei einem gewiß unblutigenAusgange, für eure Einsichten ersprießlich ausfallen muß. Denn esist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft Aufklärung zu erwartenund ihr doch vorher vorzuschreibcn, auf welche Seite sie nothwendigausfallen müsse. Ueberdem wird Vernunft schon von selbst durchVernunft so wohl gebändigt und in Schranken gehalten, daß ihrgar nicht nöthig habt, Schaarwachen aufzubieten, um demjenigenThcile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint, bürger-lichen Widerstand entgegen zu setzen. In dieser Dialektik gibl'skeinen Sieg, über den ihr besorgt zu sein Ursache hättet.
Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, undes wäre zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffent-licher Erlaubniß wäre geführt worden. Denn um desto früher wäreeine reife Kritik zu Stande gekommen, bei deren Erscheinung allediese Streithändel von selbst wegfallen müssen, indem die Streitendenihre Verblendung und Vorurtheile, welche sie veruneinigt haben,einsehcn lernen.
Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur,die am Ende doch, wie Alles, was von der Natur kommt, eineAnlage zu guten Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung,seine wahren Gesinnungen zu verhehlen und gewisse angenommene,' die man für gut und rühmlich hält, zur Schau zu tragen. Ganzgewiß haben die Menschen durch diesen Hang, sowohl sich zu ver-
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