551 Methodenlehrc. I. Hauptst. 1- Absch».
zu sehen, alle Schlüsse vor Fehlem dadurch sichert, daß jeder der-selben vor Augen gestellt wird; da hingegen das philosophische Er-kcnntniß dieses Vortheils entbehren muß, indem es das Allgemeinejederzeit in abstrsoto (durch Begriffe) betrachten muß, indessen daßMathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen An-schauung) und doch durch reine Vorstellung n priori erwägen kann,wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die ersteren daherlieber akroamatische (discursive) Beweise nennen, weil sie sichnur durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führenlassen, als Demonstrationen, welche, wie der Ausdruck esschon anzeigt, in der Anschauung des Gegenstandes fortgehen.
Aus Allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur derPhilosophie gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Ver-nunft, mit einem dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit denTiteln und Bändern der Mathematik auszuschmücken, in deren Ordensie doch nicht gehört, ob sie zwar auf schwesterliche Vereinigungmit derselben zu hoffen alle Ursache hat. Jene sind eitle Anmaßungen,die niemals gelingen können, vielmehr ihre Absicht rückgängig machenmüssen, die Blendwerke einer ihrer Grenzen verkennenden Vernunftzu entdecken und, vermittelst hinreichender Aufklärung unserer Be-griffe, den Eigendünkel der Speculation auf das bescheidene, abergründliche Selbsterkenntniß zurückzuführen. Die Vernunft wird alsoin ihren transsccndcntalcn Versuchen nicht so zuversichtlich vor sichHinsehen können, gleich als wenn der Weg, den sie zurückgelegt hat,so ganz gerade zum Ziele führe, und auf ihre zum Grunde gelegtePrämissen nicht so muthig rechnen können, daß es nicht nvthigwäre, öfters zurück zu sehen und Acht zu haben, ob sich nicht etwaim Fortgange der Schlüsse Fehler entdecken, die in den Principienübersehen worden und es nöthig machen, sie entweder mehr zu be-stimmen oder ganz abzuandern.
Ich thcilc alle apodiktischen Sätze, (sie mögen nun erweislichoder auch unmittelbar gewiß sein,) in Dogmata und Ma-thcmata ein. Ein direct synthetischer Satz aus Begriffen ist einDogma; hingegen ein dergleichen Satz durch Eonstruction der