Die Disci'plin der reinen Vernunft. 537
der Anreiz zum Urtheilen groß, der Schein, der sich darbietct, sehrbctrüglich und der Nachtheil aus dem Jrrthum erheblich ist, da hatdas Negative der Unterweisung, welches blos dazu dient, um unsgegen Jrrthümer zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manchepositive Belehrung, dadurch unser Erkenntniß Zuwachs bekommenkönnte. Man nennt den Zwang, wodurch der beständige Hang,von gewissen Regeln abzuwcichen, eingeschränkt und endlich vertilgtwird, die Disciplin. Sie ist von der Cultur unterschieden,welche blcs eine Fertigkeit verschaffen soll, ohne eine andere, schonvorhandene dagegen aufzuhebcn. Zu der Bildung eines Talents,welches schon sür sich selbst einen Antrieb zur Acußerung hat, wirdalso die Disciplin einen negativen*), die Cultur aber und Doctrineinen positiven Beitrag leisten.
Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gerneine freie und uneingeschränkte Bewegung erlauben (als Einbildungs-kraft und Witz), in mancher Absicht einer Disciplin bedürfen, wirdJedermann leicht zugeben. Daß aber die Vernunft, der cs eigentlichobliegt, allen anderen Bestrebungen ihre Disciplin vorzuschrcibcn,selbst noch eine solche nöthig habe, das mag allerdings befremdlichscheinen, und in der That ist sie auch einer solchen Demüthigungeben darum bisher entgangen, weil bei der Feierlichkeit und demgründlichen Anstande, womit sie austritt, Niemand auf den Verdachteines leichtsinnigen Spiels mit Einbildungen statt Begriffen, undWorten statt Sachen lcichtlich gerathen konnte.
Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche,weil ihre Grundsätze am Probirstein der Erfahrung einer continuir-lichcn Prüfung unterworfen werden; ungleichen auch nicht in derMathematik, wo ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in
Ich weiß wohl, daß man i» der Schulsprache den Namen der Disciplinmit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein er-gibt dagegen so viele andere Fälle, da der crstcre Ausdruck, als Zucht, vondem zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschiede» wird, und die Naturder Dinge erheischt es auch selbst, für diesen Unterschied die einzigen schickliche»Ausdrücke auszubewahren, dafi ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenesWort in anderer, als negativer Bedeutung zu brauchen.