522 Elementarlehre. U Th. l!- Abth. II- Buch. 3. Hauptst.
beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein, welche es welle,ganz und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die Phy-siologie (der Acrztc) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntniß vonden Zwecken des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einenGrundsatz, welchen blos reine Vernunft eingab, so weit, daß mandarin ganz dreist und zugleich mit aller Verständigen Einstimmungannimmt, cs habe Alles an dem Lhiere seinen Nutzen und guteAbsicht; welche Voraussetzung, wenn sie constitutiv sein sollte, vielweiter geht, als uns bisherige Beobachtung berechtigen kann; worausdenn zu ersehen ist, daß sie nichts, als ein regulatives Principder Vernunft sei, um zur höchsten systematischen Einheit, vermittelstder Idee der zweckmäßigen Causalität der obersten Wcltursache, undals ob diese, als höchste Intelligenz, nach der weisesten Absichtdie Ursache von Allem sei, zu gelangen.
Gehen wir aber von dieser Restriction der Idee auf den blosregulativen Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf mancherleiWeise irre geführt, indem sie alsdenn den Boden der Erfahrung,der doch die Merkzeichen ihres Ganges enthalten muß, verläßt und sichüber denselben zu dem Unbegreiflichen und Unerforschlichcn hinwagt, überdessen Höhe sie nothwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus demStandpuncte desselben von allem mit der Erfahrung einstimmigenGebrauch gänzlich abgeschnitten sicht.
Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Ideeeines höchsten Wesens- nicht blos regulativ, sondern, (welches derNatur einer Zdee zuwider ist,) constitutiv braucht, ist die fauleVernunft (iAiisvm imtio) *). Man kann jeden Grundsatz so nennen,welcher macht, daß man seine Naturuntcrsuchung, wo es auch sei,
P So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete:Wenn cü dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser Krankheit genesen,so wird cs geschehen, du magst einen Arzt brauchen oder nicht. Cicero sagt,daß diese Art zu schließen ihren Namen daher habe, daß, wen» man ihr folgt,gar kein Gebrauch der Vernunft im Leben übrig bleibe- Dieses ist die Ur-sache, warum ich das sophistische Argument der reine» Vernunft mit demselbenNamen belege.