Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
392
Einzelbild herunterladen
 

392

Geschichte der Juden.

Das Religionsgespräch, das zur Bekehrung so vieler Judenführen sollte, anfangs mit gleichgültigen Augen angesehen, fing anInteresse zu erregen. Der polnische Adel, Herren und Damen löstenum einen hohen Preis Eintrittskarten, deren Erlös den ärmlichenTäuflingen zu Gute kommen sollte. An dem anberaumten Tagewurden die Talmudisten und Sohariten in die Kathedrale von Lemberggeführt; der Administrator Mikulski präsidirte, Geistliche, Edelleuteund Bürgerliche drängten sich dazu, dem Schauspiele beizuwohnen,wie Juden scheinbar von derselben Richtung gegen einander Anklagenwegen der scheußlichsten Laster schleuderten. Im Grunde waren esTalmud und Kabbala, früher ein engverbundenes Geschwisterpaar, dieeinander in den Haaren lagen. Die Disputation fiel erbärmlich aus.Von den Frankisten, welche ruhmredig viele Hunderte der Ihrigen inAussicht gestellt hatten, waren nur etwa zehn erschienen; die übrigenwaren zu arm, um die weite Reise machen und sich anständig kleidenzu können. Als ihre Sprecher traten auf: Löb Krysa, SalomonSchor und ein dritter, wahrscheinlich Nachman, sogenannter Rab-biner von Busk. Von den Talmudisten fanden sich zwar aus Furchtvor der angedrohten Geldstrafe vierzig ein, und als ihre Vertreter:Chajim Cohen Rapaport, Rabbiner von Lemberg, ferner jenerRabbiner und Beglaubigter Beer von Jarlowiec, der sich bereitsfrüher bei der Kamieniecer Disputation bloß gestellt hatte (o. S. 387),und ein dritter Rabbiner Israel Miedzibor, ein angeblicherWunderthäter (Laa! Lobsw^). Welche Rückschritte hatte die Judenheitim Jahrhundert der Aufklärung gegen das dreizehnte Jahrhundertgemacht! Damals trat bei einem ähnlichen Falle am Hofe von Bar-celona der Sprecher der Juden, Mose Nachmani, stolz seinenGegnern gegenüber und machte sie durch sein Wissen und seineHaltung fast erzittern. In Lemberg standen die Vertreter des tal-mudischen Judenthums linkisch und betreten und wußten kein Worthervorzubringen. Sie verstanden nicht einmal die Landesspracheallerdings ihre Gegner eben so wenig Dolmetscher mußten herbei-gezogen werden. Aber die katholische Geistlichkeit in Polen und derGelehrtenstand verriethen bei dieser Gelegenheit ebenfalls eine grelleUnwissenheit. Nicht ein einziger Pole verstand Hebräisch oder Rabbinisch,um unparteiischer Zeuge des Streites sein zu können, während inDeutschland und Holland die christlichen Kenner des Hebräischen zuHunderten zählten. Die Talmudisten hatten bei diesem Religions-gespräche allerdings den schwersten Stand. Das Hauptthema der

st Vielleicht der 2"^, Stifter der Sekte der modernen Chaßidim.