388
Geschichte der Juden.
in Kamieniec in eine große Grube geworfen und durch Henkershandverbrannt. Die Talmudisten vermochten nichts dagegen zu thun, siekonnten nur seufzen, weinen, und einen strengen Fasttag wegen des„Brandes der Thora" veranstalten. Die Kabbala hatte diesmal dieFackeln zum Scheiterhaufen für den Talmud angezündet. Täglichmachten Geistliche in Verbindung mit den Contratalmudisten Ueber-fälle in jüdischen Häusern, um Talmudexemplare zu confisciren. DieVerfolgung gegen den Talmud erstreckte sich auch auf Städte im Erz-bisthum Lemberg. Es war eine Drangsalszeit für die Juden Polens,es häuften sich die Angriffe auf das Innerste ihrer Ueberzeugung, eswiederholte sich die Anschuldigung wegen des Gebrauchs von Christen-blut. In dieser Noth schüttete der Faktor des Grafen Brühl, ÄaruchJawan, sein gepreßtes Herz vor ihm aus, um diesen in Egoismusverhärteten Staatsmann zu rühren und um Hülfe anzuflehen. DerMinister machte ihm schöne Versprechungen und gab ihm einen weit-läufigen Weg durch den päpstlichen Nuntius an.
Plötzlich starb der Bischof Dembowski (17. Nov. 1757) einesnicht natürlichen Todes, und dieser Tod führte eine andere Wendungherbei. Die Verfolgungen gegen den Talmud hörten sogleich aufund kehrten sich gegen die Frankisten. Wodurch dieser Umschwungherbeigeführt wurde, ist nicht ermittelt. Jakob Emden ' ließ sichallerlei Märchen darüber erzählen und theilte sie sehr weitläufig mit,wie der Bischof in der Todesstunde von den verbrannten Talmud-exemplaren, als drohenden Gespenstern, erschreckt und zur Reue wegenseiner Unthaten gebracht worden wäre. Thatsache ist es, daß dieFrankisten seit der Zeit verfolgt, eingekerkert und für vogelfrei erklärtwurden. Die Bärte wurden ihnen abgeschoren, um sie zu beschimpfenund kenntlich zu machen. Die meisten derselben, die sich nicht mehrin der Diöcese Kamieniec behaupten konnten, flohen nach dem be-nachbarten Bessarabien, in die Gegend von Chocim. Der alte Sab-batianer Elisa Schor von Rohatyn fand bei dieser Verfolgungden Tod. Aber auf türkischem Gebiete fanden die Frankisten nochweniger Ruhe. Ihre Verfolger machten den jüdischen Gemeinden vondem Aufenthalt der Contratalmudisten in jener Gegend, von ihrerVerworfenheit und Schädlichkeit für das Judenthum Anzeige, unddiese brauchten nur dem Pascha und dem Kadi anzuzeigcn, daß dieseäußerlich polnischen Juden nicht unter dem Schutz des ChachaniBaschi (Oberrabbiners) von Constantinopel ständen, um die Türkenherauszufordern, über die Ankömmlinge herzufalleu und sie vollständigzu berauben und zu mißhandeln. So irrten die Frankisten unstätan der Grenze von Podolien und Bessarabien umher, rathlos und