Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
347
Einzelbild herunterladen
 

Jonathan Eibeschütz.

347

gestemmt nnd sie verwünscht. Aber ein tonangebender Rabbiner ließsich mit ihr ein, legte ihr Wichtigkeit bei nnd beschwor solchergestalteinen Kampf herauf, wodurch Zucht und Ordnung aufgelöst, der Sinnfür Anstand und Selbstachtung, für Wahrheit und Recht noch mehrabgestumpft wurden, und die Besonnenen selbst allen Halt verlorenhaben. Scheinbar war die Veranlassung zu diesem Kampfe die Eifer-süchtelei zweier Rabbinen ans einander. Aber der Grund lag tieferin der verkehrten Richtung der Köpfe und in dem dunkeln Unbehageneinerseits an dem Uebermaß der rituellen Gebundenheit und anderer-seits an den Ausschweifungen der Kabbala. Die Urheber dieser tief-gehenden Zwietracht, zwei polnische Rabbiner in Altona, hatten, einjeder nach einer andern Richtung, ohne es selbst zu ahnen, einen Fußüber die Schwelle gesetzt, welche aus dem Kreise des Hergebrachtenhinausführte. Diese Beiden, grundverschieden an Fähigkeiten undCharakteranlagen, waren geschaffen, einander abzustoßen. Beide, Jona-than Eibeschütz und Jakob Emden, waren bereits an den voran-gegangenen Kämpfen einigermaßen betheiligt und haben ihnen zuletzteine ausgedehntere Tragweite gegeben.

Jonathan Eibeschütz oder Eibeschützer (geb. in Krakau1690 st. 1764stammte aus einer Polnischen Kabbalistenfamilie.Sein Vater Nathan Nata war kurze Zeit Rabbiner in einemmährischen Städtchen Eibenschitz, von dem der Sohn seinen Bei-namen erhielt. Mit einem außergewöhnlichen scharfsinnigen, haar-scharfen Verstand nnd einem eisernen Gedächtnisse begabt, fiel derjunge Jonathan, früh verwaist, der regellosen Erziehung oder viel-mehr der Verwilderung der Zeit anheim, die ihm nur zwei Stoffefür seine Gehirnarbeit zuführte: das weitausgedehnte Gebiet desTalmud mit seinen labyrintischen Jrrgängen und die berückende Kab-bala mit ihren klippenreichen Untiefen. Das Eine bot seinem nüch-ternen Verstände und das andere seiner ungeregelten Phantasie reicheNahrung. Mit seiner haarspaltenden Urtheilskraft hätte er einen ge-wandten rabulistischen Sachwalter abgeben können, der im Standegewesen wäre, die Rechtfertigung der schlechtesten Sache glänzend undüberwältigend durchzuführen; oder er hätte auch, wenn ihm die höhereMathematik Leibniz's und Newton's zugänglich gewesen wäre, aufdiesem Felde erfinderisch Manches leisten können. Eibeschütz hatteeinige Neigung für Wiffensfächer außerhalb des Talmud und aucheine gewisse Eitelkeit davon zu kosten. Aber er konnte sie nicht be-st S. Note 7. Da Karl Antons Biographien von Cibeschütz von diesemselbst diktirt sind, wie das. erwiesen ist, so können sie als Leitfaden dienen.jVgl. auch Dembitzer, »sn oi-'bo, I, toi. N7 ffst