Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
270
Einzelbild herunterladen
 

270

Geschichte der Juden.

vermittelst philosophischer Grübeleien, die für dasselbe überflüssig seien.Tie Weisen anderer Nationen bewundern daher diese Zähigkeit. Dasisraelitische Volk allein sei der Prophetie gewürdigt, und das heiligeLand ihm zum Wohnsitz angewiesen worden. Und dieses von Gottgeliebte, auserkorene, mit so vielen vortrefflichen Eigenschaften begabteund besonderer Gnadenmittel gewürdigte Volk werde von jeher mit soviel Verleumdung theils lächerlicher, theils grausiger Natur überhäuftdaß es falsche Götter anbcte, daß es einen üblen Geruch an sichtrage, daß es an einem eigenen regelmäßigen Blntflusse leide, daßes die anderen Völker in seinen Gebeten verwünsche, daß es hart undgefühllos gegen dieselben sei, daß es die heiligen Schriften aus Feind-seligkeit gegen das Christenthum gefälscht hätte, daß es Bilder undHostien schände, und endlich, daß es Christeukinder tödte und sichihres Blutes bediene. Die Erlogenheit aller dieser Anschuldigungenbelegte Isaak Cardoso durch geschichtliche Urkunden. Als Zeichender Zeit kann auch aufgeführt werden, daß Fürsten, welche den Judendamals mehr uneigennützige Theilnahme zuwendeten als früher undauch ihrer Literatur Beachtung schenkten, immer mehr von der Unschuldder Juden, wenigstens nach dieser Seite hin, überzeugt, den Bor-urtheilen der geflissentlichen Verlänmdungen mit Eifer entgegentraten.Der Fürst Christian August von Pfalz-Sulzbach, welcher sichmit Liebe auf die hebräische Sprache und Literatur verlegte und sichsogar in die Kabbala wahrscheinlich durch Knorr v. Rosenrotheinweihen ließ, befahl in seinem Lande überall seine Mandate an-zuschlagen, als zweimal Gerüchte von Christenkindermord auftauchten(1682, 1692): Bei schwerer Strafeden ausgestreuten, erdichtetenund lügenhaften Anschuldigungen gegen die Juden keinen Glaubenbeizumessen, noch sie weiter zu verbreiten, noch überhaupt davon zusprechen und viel weniger einen Juden deßwegen anzufechten").

Die Aufmerksamkeit, welche den Juden und ihrer Literatur vonSeiten christlicher Gelehrten und Fürsten zugewendet wurde, brachtehin und wieder drollige Erscheinungen zu Tage. In Schweden, dembigottesten protestantischen Lande, durfte kein Jude wohnen, allerdingsauch kein Katholik. Nichts desto weniger interessirte sich König Karl XI.außerordentlich für die Juden und noch mehr für die Sekte derKartier, welche sich angeblich an das reine Gotteswort der Bibel ohneUeberlieferung hielten und mit den Protestanten viel Aehulichkeithaben sollten. Wäre es nicht leicht, sie, die nicht vom Talmud ein-gesponnen sind, zum Christenthum hinüber zu bringen? Karl XI.

*) Wagenseil, Hoffnung Israels. Anfang.