Druckschrift 
10 (1897) Geschichte der Juden von der dauernden Ansiedelung der Marranen in Holland (1618) bis zum Beginne der Mendelssohn'schen Zeit (1750)
Entstehung
Seite
238
Einzelbild herunterladen
 

238

Geschichte der Juden.

entstandenen Brand, wobei die kaiserliche Familie in Gefahr gerathenwar, legte er ihnen zur Last. Zwar sei keines der ihnen zur Lastgelegten Verbrechen jemals erwiesen worden, aber das beweise nurdie Kniffigkeit der Inden, daß sie durch Bestechung und Loskauf sichrein zu waschen wüßten.

In Wien und am Hofe war keine Aussicht auf Aenderung desEntschlusses, hier hatten die Jesuiten die Oberhand durch die Kaiserinund deren Beichtvater. Da dachte die verzweifelte Wiener Gemeindeauf einem andern Wege oder auf einem weiten Umwege das Unglückvon ihrem Haupte abzuwenden. Sämmtliche Juden Deutschlandshatten ihr ein aufrichtiges Mitgefühl zugewendet und durch Fastenund Beten den Himmel um Erlösung angefleht. Auf ihren Eiferkonnten die Wiener Juden mit Zuverlässigkeit zählen. Daher wandtensie sich in einem thränenreichen Schreiben an den einflußreichstenund vielleicht auch reichsten Juden der damaligen Zeit, an Isaak(Manoel) Texeira (o. S- 206), geachteten Residenten der KöniginChristine, seinen Einfluß auf weltliche und geistliche Fürsten zu ihrenGunsten geltend zu machen, um die Kaiserin Margarethe umzustimmen.Texeira hatte bereits vorher wirksame Schritte dafür gethan undversprach, sie eifrig fortzusetzen. Er hatte bereits an einige spanischeGranden geschrieben, mit denen er in Verbindung gestanden, auf denBeichtvater der Kaiserin einzuwirken. Auch an einen mächtigen undklugen Kardinal in Rom, Azzolino, den Freund der Königin Christine(den sie bald einen Engel, bald einen Teufel nannte) hatte er sichgewendet. Die Königin von Schweden, welche nach ihrem romantischenUebertritt zum Katholicismus große Achtung in der katholischen Weltgenoß, hatte Texeira Hoffnung gemacht, daß sie durch Schreiben anden päpstlichen Nuntius, -an die Kaiserin und sogar an deren Mutter,die spanische Regentin, die Verbannung der östreichischen Juden hintet-treiben zu können glaubte. Auch die römischen Juden thaten dasIhrige mit Eifer, ihre bedrohten Stammgenossen zu retten. Aberalle diese vereinten Anstrengungen führten zu nichts. Unglücklicher-weise war damals gerade nach dem Tode Clemens IX. eine neuePapstwahl in Rom, so daß das Oberhaupt der Christenheit, welchesdoch Juden in seinem Staate duldete, nicht gewonnen werden konnte,einen Machtspruch zu thun. Ter Kaiser Leopold blieb dieses Mal festund verfügte bereits, ehe die Juden abgezogen waren, über ihreHäuser; nur war er menschlich genug, bei schwerer Strafe zu ver-ordnen, daß den abziehenden Juden nichts Leides geschehen sollte.

So mußten sich denn die Juden der eisernen Noihwendigkeitfügen und zum Wauderstabe greifen. Als bereits 1400 Seelen ins