Spinoza's Charakter.
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Leben gebracht hatte, sie blieb Spinoza ein unauflösliches Räthsel. Daszeigt eben, daß seine ganze Beweisführung und seine Einfächerung(Schematisirung) nicht die Probe bestehen können und auf falschenAnnahmen beruhen.
Spinoza hätte den Bestand des Judenthums äußerst gefährdenkönnen; denn er lieferte nicht nur dessen Gegnern die Waffen derVernunftschlüsse, es wirksamer zu bekämpfen, sondern gestand auchjedem Staate und jeder Behörde das Recht zn, es zu verbieten unddessen Bekennern Religionszwang aufzulegen, dem diese sich aus Ge-horsam fügen müßten. Die Scheiterhaufen der Inquisition gegen dieMarranen waren nach diesem System doppelt gerechtfertigt, weil Bürgernach Vernunftgründen kein Recht haben, sich der anerkannten Staats-religion zu widersetzen und weil es eine Thorheit sei, das Judenthumzu bekennen und sich dafür noch dazu zu opfern. Allein Spinozahatte eine Charaktereigenschaft, welche dem Judenthum damals zu stattenkam. Er liebte zu sehr Frieden und Ruhe, als daß er mit seinenkritischen Grundsätzen hätte Propaganda machen wollen. „Friedfertigund ruhig zu sein", das war für ihn das Ideal des Lebens; jedemKampf und jeder Widerwärtigkeit auszuweichen, das war zugleich seineStärke und seine Schwäche. Bis an sein Lebensende führte er einideal-philosophisches Leben; in Speise, Kleidung und Wohnung ge-brauchte er nur so viel, als er mit seinen Fingern vom Schleifenoptischer Gläser, die seine Freunde unterbrachten, verdiente. Er sträubtesich, selbst von seinen aufrichtigen reichen Verehrern (Simon de Vriesund dem Rathspensionär de Witt), die damals üblichen Pensionen an-zunehmen, Alles nur, um nicht in Abhängigkeit, Zwang und Unruhezu gerathen. Z Aus diesem unüberwindlichen Trieb nach philosophischerRuhe und Sorglosigkeit entschied er sich auch nicht für eine der poli-tischen Parteien, welche damals die Generalstaaten in fieberhafteBewegung setzten. Nicht einmal der außerordentlich aufregende Meuchel-mord an seinem Freunde Johann de Witt vermochte ihn zur Partei-nahme Hinzureißen. Spinoza beweinte seinen edlen, großen Freund,nahm sich aber nicht seiner Ehre an, um sie vor Verdächtigung zuretten. — Als der gebildetste deutsche Fürstseiner Zeit, der PfalzgrafKarl Ludwig, welcher auch für die Juden ein gewisses Wohlwollenhegte,2) ihm, dem „Protestantischen Juden" (wie er denn nochimmer genannt wurde), einen Lehrstuhl für Philosophie an der Univer-
') Eigen ist es, daß Spinoza wegen der nicht bedeutenden Hinterlassen-schaft seines Vaters mit seinen Schwestern processirt hat, wie Colerus erzählt.2) Vergl. Chajim Jair Bach rach Nsspp. mm M. 138.