164
Geschichte der Juden.
Stolz auf die seit Jahrhunderten von der Kirche unterdrückte,damals um so kräftiger emporschnelleude Vernunft, wie er mehr nochals seine zeitgenössischen französischen und englischen Denker war, ludSpinoza die Theologie und besonders das uralte Judenthum vor ihrenRichterstuhl, Prüfte dessen Dogma und Urkunden und sprach sein Ver-dammungsurtheil über seine Mutter aus. In seinem Kopf hatte ereinen Gedankenthurm aufgerichtet, von dem aus er gewissermaßen denHimmel stürmen wollte. Doch nein, eher gleicht Spinoza's Philosophievielmehr einem enggegliederteu Fangnetze,' an dem vor unfern Augen Gliedan Glied, Masche an Masche augesetzt wird, und von dem der mensch-liche Verstand unversehens umgarnt wird, so daß er halb gezwungen,halb freiwillig sich gefangen geben muß. Spinoza's Geist erkannte, wiekein Denker vor ihm, eherne unveränderliche Gesetze im ganzen Weltall,in der Entfaltung des unscheinbar winzigen Samenkorns nicht minderals in der Kreisbewegung der Himmelskörper, in der Regelmäßigkeitdes mathematischen Denkens, wie in der scheinbaren Regellosigkeitwilder Leidenschaften. Während diese Gesetze ewig in gleicher Weisewirken, dieselben Ursachen, dieselben Erscheinungen in unendlicher Zeiten-reihe Hervorbringen, sind die Träger der Gesetzmäßigkeit vergänglicheWesen, Eintagsfliegen, welche auftauchen und verschwinden, um andernihren Platz einzuräumen. Hier Ewigkeit, dort Vergänglichkeit, hierNothwendigkeit, dort Zufälligkeit, hier Wirklichkeit, dort Schein. Dieseund andere Räthsel suchte Spinoza mit seinem Scharfsinn zu lösen,der in ihm den Sohn des Talmud nicht verkennen läßt, aber auch miteiner logischen Folgerichtigkeit und Architektonik der Gedankenreiheu,um die ihn Aristoteles hätte beneiden können. Die Steine zu seinemRiesengedankenbau sind scheinbar einfacher Art: fein durchdachte Begriffs-bestimmungen (Definitionen), sichere Voraussetzungen (Axiome), unum-stößliche Beweise und Folgerungen (Demonstration und Corollarien).Spinoza ging dabei von der Voraussetzung aus, daß in der Welt derWesenheit, wie in der Mathematik, Alles, was der menschliche Geistrichtig anschaut, begreift und folgert, nicht bloß eine formale, sondernauch eine thatsächliche, wirkliche (substanzielle) Wahrheit sei, an welcherzu zweifeln Unverstand wäre.
'Der Träger aller dieser ewigen, nothwendigen Gesetze und desregelmäßigen Verlaufs d'er Dinge müsse selbst ewig und nothwendigsein. Es ist das Selbstbestehende (Substanz*), das in nichts
*) Ueber Spinoza's Entlehnung aus vorangegangenen Doctrinen vergl.Siegwart, Spinoza's neuentdeckter Traktat von Gott (Gotha 1866> S. 96 fg.Mit Recht behauptet Siegwart (S. 99), daß Spinoza's pantheistische Mystiknicht von Cartesius entlehnt sein kann. Es mag dahingestellt sein, ob Spinoza