Spinoza's System.
163
sugniß, die Religionsangelegenheiten zu fixiren und zu bestimmen,was Glaube und was Unglaube, was Rechtgläubigkeit und was Ketzereisei*). Welch eine tyrannische Consequenzmacherei! Wie diese spinozistischeTheorie das sittliche Recht nicht anerkennt, so auch nicht Gewissen-haftigkeit und Treue. Sobald die Regierung schwach werde und ihreMacht einbüße, habe sie keinen Anspruch mehr auf Gehorsam; Jeder-mann dürfe sich von ihr lossagen und sich ihr widersetzen, um sich derneu auftretenden Macht zu unterwerfen. Nach dieser Theorie desweltlichen und religiösen Despotismus dürfte eigentlich Niemand eineeigene. Meinung über das vom Staate Gesetzte (Gesetz) haben, sonstwäre er ein Rebell. Fast benimmt Spinoza's Theorie auch die Denk-und Meinungsfreiheit. Wer gegen irgend eine Staatseinrichtung spricht,um die Regierung anzuklagen oder verhaßt zu machen, oder gegen ihrenWillen ein Gesetz abzuschaffen sucht, ein solcher ist als ein Friedens-störer zu betrachten 2). Nur durch einen sophistischen Kniff konnteSpinoza die Denkfreiheit und die freie Meinungsäußerung retten. JederMensch habe von Natur dieses Recht, und das sei das einzige, welcheser nicht an die Staatsgewalt veräußert oder übertragen habe, weil csseinem Wesen nach unveräußerlich sei. Es müsse Jedem gestattetbleiben, gegen die Anschauung der Regierung zu denken und zuurtheilen, auch zu sprechen und zu lehren, wenn es nur mit Vernunftund Besonnenheit, ohne Betrug, Zorn, Haß und ohne Absicht, eineVeränderung herbeizuführen, geschehe^). Mit diesem schwachen Grunde,welchen einige andere Nebengründe stützen sollten, rechtfertigte Spinozaseine Bekämpfung des Judenthums und seine philosophischen Angriffegegen die auch von den holländischen Staaten anerkannten heiligenUrkunden. Er glaubte seine Berechtigung dazu vor der Staatsbehördegenügend durch die Vertheidigung der Denkfreiheit dargethan zu habcu.In der Darstellung dieser Apologie zeigte sich, daß er denn doch nochnicht so gleichgültig gegen die Behandlung war, die ihm von Seitendes Rabbinatscollegiums widerfahren war. Spinoza war so sehr vonUnwillen, wenn nicht von Haß gegen Juden und Judenthum erfüllt,daß sein sonst klares Urtheil dadurch getrübt war. Er nanntedie Rabbinen, wie da Costa, nicht anders als Pharisäer, undschob ihnen eine ehrgeizige und niedrige Gesinnung unter, währendsie doch in Wahrheit nur ihren Schatz gegen Angriffe sicher stellenwollten.
1) Theologisch-politischer Traktat x. 16 — 18.
2) Das. o. 2V x. 127.
°) Das.