Spinoza's Theorie vom Staate. 161
ihn davon abzuziehen. Namentlich lehrt und verkündet er entsetzlicheKetzerei, wofür glaubwürdige Zeugen vorhanden sind, welche ihreAussagen in Gegenwart des Angeklagten abgelegt haben." Diesesalles sei in Gegenwart der Chachams geprüft worden, und so habeder Vorstand beschlossen, ihn in den Bann zu thuu und von derGemeinschaft zu trennen. — Darauf wurden in Gegenwart derThorarolle die üblichen Bannflüche gegen ihn ausgesprochen, und zuletztwarnte der Vorstand, mit ihm mündlich oder schriftlich zu verkehren,ihm eine Gunst zuzuwenden, .mit ihm unter einem Dache oder innerhalbvier Ellen zu weilen oder das von ihm Geschriebene zu lesen. DerBann gegen Spinoza wurde gegen die sonstige Art verschärft, umJünglinge von seinen Ketzereien fernzuhalten.
Spinoza war, wie schon gesagt, von Amsterdam abwesend, alsder Bann gegen ihn geschleudert wurde. Die Nachricht davon soll ergleichgültig hingenommen und dabei bemerkt haben: mau zwänge ihnzu etwas, was er auch sonst gethan haben würde. Seine, die Einsam-keit liebende Denkernatur konnte auch leicht den Verkehr mit Verwandtenund ehemaligen Freunden missen. Indessen so ganz ohne Folgen liefdie Sache für ihn nicht ab. Der Vorstand der portugiesischen Gemeindeging gegen ihn auch bei der städtischen Behörde vor, um seine dauerndeVerbannung aus Amsterdam zu erwirken. Der Magistrat legte dieFrage, die doch eigentlich eine theologische war, den Geistlichen vorund diese sollen seine Entfernung aus Amsterdam auf einige Monatebeantragt haben. Höchst wahrscheinlich hat ihn dieses Verfahren desVorstandes veranlaßt, eine Rechtfertigungsschrist ausznarbeiten, umder weltlichen Behörde darzuthnn, daß er kein Verbrecher oder Uebertreterder Staatsgesetze sei, sondern daß er nur sein gutes Recht ausgeübthabe, über die Religion seiner Väter oder über Religion überhauptnachzudcnken und eine andere Ansicht darüber aufzustellen. DieGedankenreihe, welche in Spinoza bei Ausarbeitung dieser Selbst-vertheidigung aufstieg, regte ihn ohne Zweifel an, dieser Frage einegrößere Ausdehnung und Tragweite zu geben. Sie gab ihm Ver-anlassung, die Denk- und Forschnngsfreiheit überhaupt zu behandelnund damit den Grund zu der ersten seiner gedankenreichen Schriftenzu legen, welche ihm literarische Unsterblichkeit verschafft haben. Indem Dorfe, wohin er sich zurückgezogen hatte (1656—60) und späterin Rhynsburg, wo er auch mehrere Jahre weilte (1660—64), beschäftigtesich Spinoza mit Schleifen optischer Gläser, was er zur Sicherungseiner mäßigen Subsistenz erlernt hatte, mit der kartesianischeu Philosophieund mit der Ausarbeitung der Schrift: „der theologisch-politischeTraktat". Es war ihm hauptsächlich darum zu thun, die lieber-Graetz, Geschichte der Juden. X.